GESCHICHTE

DER GESPRENGTE KREUZSTEIN

Kreuzsteinin der Traun - unterhalb von Bad Ischl
(Oberer-) Kreuzsteinin der Traun – unterhalb von Bad Ischl
Beim Kreuzstein
Beim Kreuzstein

Heute kennen wir ja nur den „obere“ Kreuzstein. Dieser hatte jedoch einen für die Flösserei sehr gefährliches Gegenstück in Mitterweißenbach gehabt. Dort erinnert bis heute am Soleweg, eine Gedenktafel daran, dass an diesem Hindernis bis zu seiner Sprengung vor knapp 100 Jahren (1920) immer wieder Schiffe und Flösse zerschellten und dabei auch zahlreiche Menschen ihr Leben verloren.

Vor 300 Jahren …

“In der Pfarrkirche zu Goisern heiratete am 24. November 1737 Sabina Peer, die Tochter des Johann Peer, Schöffmeister in der Au, welcher “anno 1720” auf der “großen IschIer Markt” fuhr, nebst etlich 60 auch in der Traun ertrunkener.

Schiffsunklück mit einen “Traunerl” beim Kreuzstein in Bad Ischl

Diese kleine Notiz im Trauungsbuch der Pfarre Goisern deutet auf eine der größten Schiffskatastrophen der an Unglücksfällen so reichen Geschichte der Traunschiffahrt hin. Am Vormittag des 3. Juni 1720 löste sich zur gewohnten Stunde das Ischler Marktschiff vom Traunufer in Ischl und fuhr die Traun abwärts gegen Gmunden. Nach der erwähnten Notiz werden sich vermutlich mehr als 60 Personen auf dem Schiff befunden haben. Neben dem Personentransport diente die “Marktfuhr” auch dem Austausch von Gütern zwischen Ischl, Langbath und Gmunden, so das angenommen werden kann, dass sich auch Waren an Bord des Schiffes befanden.

Anfang Juni fuehrt die Traun Hochwasser

Wahrscheinlich hat eine zu große Belastung die Lenkbarkeit des Schiffes erschwert, denn es stieß in voller Fahrt an den Kreuzstein, einen aus der Traun bei Mitterweißenbach aufragenden Felsen, und zerschellte. Die Insassen des Bootes versanken in den reißenden Fluten. Die “Marktfuhr”, eine uralte Ischler Einrichtung, geht auf ein Privileg aus dem Jahre 1466 zurück, mit welchem den Ischler Bürgern das Recht verbrieft wurde, allein und unbehindert Personen und Waren zu Schiff von und nach Ischl zu führen. Im Besitz dieses Rechtes beförderten die bürgerlichen Salzfertiger auf eigenen Schiffen Salz nach Gmunden und luden auf der Rückfahrt Waren des täglichen Bedarfes. Daneben hatte sich aber bald der Brauch ausgebildet, für Rechnung des Marktes ein eigenes Schiff nach Gmunden zu senden, welches jeder gegen Entrichtung einer Gebühr benützen konnte. Schließlich übergab der Markt die “Marktfuhr” einem “Urfahrmeister”, den man auch “Marktförg” nannte, auf dessen Rechnung und Gefahr. Der Urfahrmeister hatte unter Beachtung der vom Rat erlassenen Vorschriften den Schiffsverkehr zwischen Ischl und Gmunden abzuwickeln, Knechte zu dingen und für brauchbare Schiffe, Zillen und Plätten, zu sorgen. Jeder Marktförg versuchte das Unternehmen gewinnbringend zu führen, mußte er doch dem Markte für die Ausübung des übernommenen Rechtes jährlich bestimmte Abgaben reichen. Und wie immer in solchen Fällen wird der Gewinn wichtiger als die Einhaltung der Sicherheitsvorschriften
gewesen sein. Das dem regelmäßigen Verkehr dienende Marktschiff fuhr jeden Montag um 10 Uhr vormittags nach Gmunden und kehrte am Dienstag wieder nach Ischl zurück. Berücksichtigt man die schlechten Wegverhältnisse jener Zeit im Salzkammergut, dann dürfte die “Marktfuhr” das bequemste Verkehrsmittel zwischen Ischl und Gmunden
gewesen sein. Von weither kamen Leute nach Ischl, um das Marktschiff bis Gmunden zu benützen und von dort weiterzureisen. In der angeschlossenen Liste über die aufgefundenen Toten werden Fahrgäste aus dem Ennstal und aus Salzburg genannt.

1912 wurde der untere Kreuzstein gesprengt

Das entsetzliche Unglück am Kreuzstein war an dieser Stelle nicht das erste und sollte auch nicht das letzte sein. Manche Schiffe waren hier zerborsten und manche scheiterten hier noch in späteren Jahren. Diesmal war das Ausmaß der Katastrophe aber so groß, dass man meinen sollte, das Verweseramt hätte nun die sofortige Beseitigung des Unglücksfelsens verfügt. Doch nichts dergleichen geschah, und der Kreuzstein blieb eine gefährliche Klippe für die Traunschiffahrt, bis er endlich im Jahre 1912 gesprengt wurde.

Anzahl der Toten ist ungklar geblieben ….

Nach Mitterweißenbach gehörte damals das Trauntal mit Ebensee und Langbath zum Pfarrbereich von Traunkirchen. Einige der von der Traun abgetriebenen Toten wurden im Friedhof von Traunkirchen beerdigt, und diesem Umstand verdanken wir eine Notiz im Totenbuch, welche einiges Licht in die Sache bringt. Es heißt dort:

“Am 3. Juni 1720 ereignete sich in der Traun ein großes Unglück, bei dem das Marktschiff aus lschl an einem Felsen (vulgo Kreuzstein) zerschellte, wobei cirka 60 Personen ertranken, die zerstreut aufgefunden und je nach der Pfarrzugehörigkeit teils in Ischl, teils hier begraben wurden.”
(Lateinischer Text. übersetzt von H. Pfarrer E. Nürnberger.)

Neben Goisern und Traunkirchen enthalten auch die Matrikeln der Pfarre Ischl einen Hinweis auf dieses Ereignis:

“Am 2. August 1720 Wurde getauft Franz Nikolaus, nachgeborener Sohn des Tobias Niederdorfer. Kupferschmied, welcher am 3. Juni mit etlich 50 anderen Personen ertrunken ist und heute in Traunkirchen begraben wurde.” In Goisern (1737) und in Traunkirchen (1720) wird die Anzahl der Verunglückten mit “etlich 60” angegeben, während Ischl (1720) das Ausmaß auf “etlich 50” einschränkt. Da es aber einigen Personen gelungen sein wird, das rettende Ufer zu erreichen, so kommt der eingangs ausgesprochenen Vermutung, es hätten sich mehr als 60 Leute auf dem Traunkahn befunden, Bedeutung zu. Damit scheint aber auch eine gefährliche und verantwortungslose Überbelastung gegeben. Leider wurden bisher keine Aufzeichnungen über die Ursache und den Hergang der Katastrophe aufgefunden. Die vielen Rätsel werden kaum mehr gelöst werden können.

Trotz der ziemlich übereinstimmenden Angaben über die Anzahl der Todesopfer weisen die Totenbücher der Pfarren Goisern, Ischl und Traunkirchen insgesamt nur 39 aufgefundene Tote aus. Aus den Begräbnisdaten geht hervor, daß einige der Toten erst viele Tage nach dem Unglück aufgefunden und begraben wurden. Man muß daher annehmen,
daß die fehlenden Opfer von der Traun in den See hinausgetragen wurden und dort versunken sind.

Wer das Salzkammergut kennt, kennt auch die vielen Marterln, welche entlang der Straße von Hallstatt nach Gmunden von den Unfällen im See oder auf der Traun berichten. Unter ihnen ist keines, welches der Opfer des 3. Juni 1720 gedenkt? Aber auch die Archive Ischls und des Verweseramtes haben bisher keinen Hinweis auf diese Katastrophe entdecken lassen. Gäbe es nicht die bescheidenen Anmerkungen in den Pfarrmatrikeln, das Unglück wäre längst vergessen.

Quellen und weitere Informationen:

  • OÖ. Heimatblätter, Jahrgang 24 Heft 3/4 Juli-Dezember 1970

    Weitere Literatur und Quellen zu diesen Bericht enthalten:
  • Gabriele Wurnig, Beiträge zur Geschichte Ischls, Heimatbuch 1966.
  • Hermann Peters, Marterln in und um Ischl
  • Josef Haidinger. Die größte Schiffskatastrophe auf der Traun (Salzkammergutzeitung vom 27. 5. 1948)

    Die Pfarrmartikeln von Goisern, Ischl und Traunkirchen.
  • Herrn Dechant Franz Mayr (Ischl)
  • Herrn Pfarrer Erich Nürnberger (Traunkirchen)
  • und Frau Fachlehrerin Maria Zierler
 

„Was der Mensch sei, sagt ihm nur die Geschichte.“

Zitat von: Wilhelm Dilthey

 
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