BEWIRTSCHAFTUNG

STROBLER WEISSENBACH UND SEINE AUSWIRKUNGEN

Der Strobler Weissenbach liegt im Gemeindegebiet von Strobl am Wolfgangsee. Hier bildet die Ischl die Grenze zwischen Salzburg und Oberösterreich. Damit ist auch der Strobler Weissenbach im Bundesland Salzburg und nicht im Fischereirevier Oberes Salzkammergut. Da sich jedoch in der Gewässerbewirtschaftung die Grenzen durch Auswirkungen von Zubringerbächen verwischen, ist der Strobler Weissenbach für uns von Interesse. Den sein Schottertransport beeinflusst die Ischl und die Traun bis Ebensee.

Der Strobler Weissenbach im Oberlauf, oberhalb der Geschiebesperre.

Der Sedimenthaushalt eines alpinen Gewässersystems bildet eine entscheidende Grundlage für dessen ökologischen und morphologischen Zustand. Gebirgsbäche stellen dabei das Bindeglied zwischen der Sedimentproduktion in den alpinen Einzugsgebieten und dem Sedimentbedarf der tieferliegenden Fließgewässer dar.

Schutzwasserbauliche Maßnahmen für Wildbäche werden zur Bewirtschaftung von Feststoffen wie Geschiebe und Wildholz errichtet und je nach Bautype (z. B. Dosier- oder Filterbauwerk) ist die Wirkung auf den Sedimenthaushalt eine gänzliche Unterbrechung bis hin zum temporären Rückhalt. Bautypen mit einer gänzlichen Unterbrechung verursachen meist ein Geschiebedefizit in den flussab gelegenen Fließgewässern und mindern maßgeblich das dort vorhandene Potenzial eigendynamischer Entwicklung. Oftmals führen diese zur Eintiefung der Gewässersohle und reduzieren die Verfügbarkeit von Laichkies für die Reproduktion von Interstitiallaichern (z. B. Bachforelle).

Der Strobler Weissenbach, transportiert -zig Tonnen Schotter.

Am Strobler Weißenbach, einem typischen Kalkschuttwildbach und Zubringer zur Ischler Ache, wurden nach Hochwasser- und Geschiebetransportereignissen in den 1970er-Jahren geschiebebindende Schutzbauwerke in Form von Schlitzsperren errichtet. Die Schlitze hatten das Ziel, die Feststoffe wie Geschiebe und Wildholz im Ereignisfall zurückzuhalten und bei kleineren Ereignissen wieder an den Unterlauf abzugeben. Verklausungen der Schlitze mit Wildholz/Totholz führten zu einem fast gänzlichen Rückhalt, wodurch sich die Verlandungsräume der Sperren immer mehr füllten. Neben der maschinellen und kostenintensiven Räumung zur Wiederherstellung der Schutzfunktion sind aufgrund der fehlenden Sedimentdurchgängigkeit auch ökologische und sedimentologische Veränderungen im Unterlauf bis in den Vorfluter die Folge.

Zur Optimierung der Gesamtsituation sind Kenntnisse über die Wildbachprozesse im Jahresgang sowie bei Extremereignissen notwendig, damit einerseits die schutztechnischen Grundbedingungen erfüllt sind und andererseits auch die ökologischen und sedimentologischen Anforderungen berücksichtigt werden. Ein umfassendes Monitoringprogramm soll Erkenntnisse über die verschiedenen Prozesse am Strobler Weißenbach liefern und verschiedene biotische (Habitate, Laichplätze, Fischbestand) und abiotische Faktoren (Durchfluss, Schwebstoffkonzentration, Geschiebetransport) erfassen. Die Erkenntnisse, die aus der Studie am Strobler Weißenbach gewonnen werden, sollen in weiterer Folge als Grundlage für die Entwicklung eines allgemeinen Feststoffmanagements für Wildbacheinzugsgebiete dienen.

Bild 1

Projektgebiet und Ausgangslage

Der Strobler Weißenbach ist ein Zubringer der Ischler Ache und befindet sich in den Salzburger Kalkvoralpen. Das Einzugsgebiet (EZG) umfasst eine Fläche von 45,5 km2 und grenzt im Südosten an den schroffen Höhenzug vom Gamsfeld (2027 m) bis zum Rinnkogel (1823 m) (Bild 1). Aus Sicht der Geologie besteht das EZG im Wesentlichen aus gebanktem Dachsteinkalk und Ramsaudolomit.

Am Strobler Weißenbach wurden zur Verringerung von Geschiebeanlandungen im Zuge von Hochwasserereignissen in den 1970er-Jahren zwei große Schlitzsperren (Kammersbachsperre und Werkstattgrabensperre) errichtet. Durch die Sperrenkonstruktion mittels Schlitz soll im Ereignisfall ein hydraulischer Rückstaueffekt erzeugt werden und somit die Geschiebe‑/Sedimenttransportkapazität stark verringern werden. Das mitgeführte Geschiebe wird im Stauraum abgelagert und bei kleineren und mittleren Hochwässern wieder in den Unterlauf abtransportiert. Verklausungen des mitgeführten Totholzes bewirkten jedoch einen ständigen Verschluss für Sediment und Geschiebe, wodurch die oben angeführte Selbstentleerung nicht mehr möglich war und die Stauräume sukzessive verlandeten. Laut der Auskunft von Bachanrainern sorgte über längere Zeit ein Sperrenwart für die regelmäßige Freilegung der Schlitze, was eine teilweise Selbstentleerung ermöglichte und die Funktionsfähigkeit beider Schutzbauwerke sicherstellte. Mit Wegfall dieser Tätigkeit verlandeten die Rückhaltebecken zusehends. Durch die großen Sedimentmengen stellt die Beckenentleerung eine große Herausforderung mit hohem finanziellem Aufwand und ökologischer Beeinflussung für den Unterlauf dar. Da für Bemessungsereignisse eine ausreichende Stauraumkapazität notwendig ist, muss der Schlitz entweder maschinell freigelegt oder der Stauraum geräumt werden. Nicht nur die Räumung des Materials, sondern auch die Verwertung oder Deponierung ist mit Kosten verbunden und stellt die Interessenten (Räumungsverpflichteten) oft vor eine große technische und finanzielle Herausforderung.

Biotik

Im Rahmen des natürlichen Sedimentkreislaufs werden Feststoffe aus den alpinen Einzugsgebieten (Erosionsgebiete) über Wildbäche und alpine Flusslandschaften talwärts in die großen Flusslandschaften transportiert (Umlagerungs- und Ablagerungsgebiete). Der Großteil des Feststofftransports erfolgt dabei in Form von Schwebstoffen. Schwebstoffe sind Feststoffteilchen (<0,7 mm), welche durch die im fließenden Wasser auftretenden Turbulenzen in Schwebe gehalten werden. Sie sind natürlicher Bestandteil des Ökosystems Fließgewässer. Trotzdem können erhöhte Schwebstoffkonzentrationen unterschiedliche negative Auswirkungen auf die im Gewässer lebenden Organismen zur Folge haben. Mögliche Auswirkungen von erhöhten Schwebstoffkonzentrationen auf Salmoniden wurden von Bash et al. (2001) in folgende drei Kategorien unterteilt:

  • (i) physiologische Auswirkungen (z. B. Kiementrauma, Veränderungen der Osmoseregulation und/oder des Blutchemismus, Änderung von Wachstumsraten),
  • (ii) Auswirkungen auf das Verhalten (z. B. Ausweichen, Veränderung des Fressverhaltens aufgrund eingeschränkter Sichtweite) und
  • (iii) Auswirkungen auf den Lebensraum (z. B. verringerte Durchströmung des Interstitials und damit einhergehende Unterversorgung von Fischeiern mit Sauerstoff, Abnahme an benthischen Invertebraten und somit Reduktion von Nährtieren).

Hinsichtlich der Gewässertypologie bzw. der Fischregion befindet sich der Strobler Weißenbach großteils im Epirhithral (Obere Forellenregion), wobei in etwa die letzten zwei Kilometer vor der Einmündung in die Ischler Ache als Metarhithral (Untere Forellenregion) einzustufen sind (NGP 2015, BMLFUW 2017). Aufgrund dieser Einstufung wurde im folgenden Artikel die Bachforelle (Salmo trutta fario) als maßgebliche Zeigerart ausgewählt.Als ökologisch optimaler Zeitpunkt für eine Schlitzfreilegung an der Sperre wurden die Monate Juni bis September ausgewählt. Dabei wurde angenommen, dass die Zeit von Beginn der Laichzeit (Oktober) bis zum Ende des Larvenstadiums (Anfang Juni) die sensibelste Lebensphase für die Fortpflanzung der Bachforelle darstellt (Bild 2). Beide Schlitzfreilegungen wurden deshalb im September vor Beginn der Laichzeit durchgeführt.

Bild 2

Um mögliche Auswirkungen durch die an der Geschiebesperre gesetzten Maßnahmen (Totholzräumungen) auf die im Strobler Weißenbach vorkommende Fischpopulation dokumentieren bzw. bewerten zu können, wurden neben dem Monitoring der Schwebstoffkonzentration auch Watbefischungen gemäß der Gewässerzustandsüberwachungsverordnung (GZÜV, BGBI. II Nr. 479/2006 i. d. g. F.) durchgeführt. Dabei wurde zuerst in einem fischökologischen Premonitoring der Ist-Zustand der Fischfauna am 12.09.2017 mittels Elektrobefischung als Referenzzustand erhoben. Am 18.09.2018 fand eine zweite Befischung im Rahmen des Postmonitorings statt. Insgesamt wurde der Fischbestand in drei verschiedenen Teilstrecken des Strobler Weißenbaches erhoben. (Bild 1) 

Befischungsergebnisse

Der Vergleich der Befischungsergebnisse zeigt an der Befischungsstelle 1 (BS1) einen Rückgang der Bachforellenbiomasse von 59,3 kg/ha auf 31,1 kg/ha.

Hingegen konnte in Befischungsstelle 2 (BS2) sowie in BS 3 eine Zunahme hinsichtlich der Biomasse im Vergleich zum Vorjahr verzeichnet werden. Diese stieg in BS 2 von 33,7 auf 42,9 kg/ha und in BS 3 von 29,4 auf 34,2 kg/ha an. Betrachtet man die Längenfrequenzdiagramme der Bachforelle aus dem Jahr 2017 und 2018 für die BS_1, so zeigt sich eine Abnahme innerhalb der Gruppe von 0+ und 2+ Fischen. Die Anzahl der 1+ Fische liegt im Jahr 2018 jedoch etwas höher. Der stark ausgeprägte Jahrgang der 0+ Fische aus dem Premonitoring (2017) spiegelt sich somit im Folgejahr bei den dann bereits einsommerigen Fischen deutlich wider. Hingegen sind in BS_2 bei allen Altersstadien der Bachforelle Zunahmen zu verzeichnen. Die gefangene Individuenzahl erhöhte sich von 44 auf 78 innerhalb dieser Strecke. In der dritten Untersuchungsstrecke (BS_3) kam es zu einer deutlichen Abnahme der gefangenen 0+ Bachforellen. Im Bereich der 1+ Fische konnte hingegen ein Anstieg verzeichnet werden. Die Anzahl an gefangenen Individuen sank in BS_3 von 58 auf 43 (Bild 3)

Bild 3

In den beiden unten liegenden Befischungsstrecken 2 und 3 konnten sowohl im Jahr 2017 als auch im Jahr 2018 Koppen (Cottus gobio) gefangen werden. Obwohl den Kieslückenraum bewohnende Arten wie die Koppe durch die Elektrobefischung quantitativ schwer zu erfassen sind, zeigen die Längenfrequenzdiagramme beider Strecken ein ähnliches Bild im Jahresvergleich (Abb. 17). Außerdem kam es in beiden Strecken zu einer marginalen Zunahme bei der Anzahl gefangener Individuen (+2 bzw. +5).

Für die Interpretation der Daten aus BS_1 ist der Umstand maßgeblich, dass aufgrund eines (für Fische) unüberwindbaren Querbauwerks (Sohlstufe) unterhalb dieser Befischungsstelle (ca. 3 km) keine Einwanderung aus dem Unterlauf des Strobler Weißenbaches bzw. aus der Ischl erfolgen kann. Alle in BS_1 gefangenen Individuen waren somit sämtlichen Extremereignissen hinsichtlich der Schwebstoffkonzentration ausgesetzt. Zusätzlich muss an dieser Stelle erwähnt werden, dass fischereiwirtschaftliche Besatzmaßnahmen im vorliegenden Betrachtungszeitraum ausschließlich im Jahr 2017 in Form von 0+ Bachforellen stattgefunden haben. Im Gegensatz zu 2017 stammen daher die in 2018 gefangenen 0+ Bachforellen ausschließlich aus natürlicher Eigenreproduktion. Dies ist bei der Interpretation der Befischungsergebnisse aller Strecken zu berücksichtigen.Weiters ist zu berücksichtigen, dass für die Biomasse vor allem die größeren Adulttiere entscheidend sind, da diese gewichtsmäßig naturgemäß den größten Anteil an der Gesamtbiomasse aufweisen. Das heißt, die An- oder Abwesenheit einzelner Individuen dieser Größe kann die errechnete Biomasse vor allem in kurzen Untersuchungsstrecken (Abb. 18) maßgeblich beeinflussen. Die Abnahme an Adultfischen in BS_1 könnte neben der Entnahme aus der Sportfischerei auch auf ein Zusammenspiel aus Anlandungen innerhalb der Kolke (Adulthabitat) bei gleichzeitiger Niederwasserführung am Befischungstag (Qpre = 0,8 m3s−1; Qpost = 0,3 m3s−1) zurückzuführen sein. Eine Abnahme der Kolktiefe konnte innerhalb von BS_1 im Rahmen des Projekts bereits vor der Befischung dokumentiert und beobachtet werden (vgl. Kolktiefe BS_1 2015/2018 in Abb. 18).

Hochwasser Ende Juli 2019

Das Hochwasser Ende Juli 2019, hat den gesamten Fischbestand im Strobler Weissenbach vernichtet. Hochwassersituationen für alpine Fliessgewässer sind bei uns im Salzkammergut nichts Ungewöhnliches. Welche Änderungen Hochwasserereignissen auf Grund des Klimawandels für “Wildbäche” im Salzkammergut bringen werden, ist abzuwarten. Wobei es solche Ereignisse auch die letzten hundert Jahre, dokumentiert des öfteren gegeben hat. Die Auswirkungen auf die Fische (Forellen) in diesen Wildbächen war auch für die Fische immer katastrophal und konnte nur durch Initialbesatz wieder hergestellt werden.

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© The Author(s) 2019
Rolf Rindler; Patrick Holzapfel; Christoph Hauer; Gerhild Jury; Markus Moser; Andreas Fischer; Clemens Gumpinger; Helmut Habersack

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Dieser Artikel wurde unter der Creative Commons Namensnennung 4.0 International Lizenz (http://creativecommons.org/licenses/by/4.0/deed.de) veröffentlicht, welche die Nutzung, Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und Wiedergabe in jeglichem Medium und Format erlaubt, sofern Sie den/die ursprünglichen Autor(en) und die Quelle ordnungsgemäß nennen, einen Link zur Creative Commons Lizenz beifügen und angeben, ob Änderungen vorgenommen wurden.

Quelle:
https://link.springer.com/article/10.1007/s00506-019-0560-6

„Der gebildete Mensch macht die Natur zu seinem Freund und ehrt die Freiheit, indem er bloß ihre Willkür zügelt.”

“Zitat von Friedrich von Schiller”

 
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