EIN KAMPF GEGEN WINDMÜHLEN

Der Vergleich mit Don Quijote trifft es wahrscheinlich mitten ins Schwarze. Als Bewirtschafter sitzt man oft zwischen allen Stühlen, während die Natur und die Bürokratie von verschiedenen Seiten zerren. Es ist frustrierend, wenn man viel Herzblut, Zeit und Geld investiert, nur um dann zuzusehen, wie externe Faktoren die Arbeit zunichtemachen.

Leider gibt es immer wieder Maßnahmen
die unsere Natur und Fischbestände massiv belasten.

„Alibi-Durchgängigkeit“ oder, wie Kritiker es oft nennen: „Insel-Ökologie“.
Technisch gesehen ist eine Fischwanderhilfe, auf die 100 Meter später ein unüberwindbares Hindernis folgt, oft eine ökologische Sackgasse. Dass dieses Vorgehen in der offiziellen Kommunikation trotzdem als Erfolg verkauft wird, ist fachlich höchst fragwürdig.

Meistens sind es ja nicht nur ein oder zwei Probleme, sondern ein ganzer „Sturm“ an Herausforderungen:

Die typischen „Windmühlen“ der Fischerei

  • Prädation: Kormoran, Gänsesäger oder Fischotter – der Schutzstatus bestimmter Arten führt dazu, dass der mühsam gehegte Fischbestand schneller dezimiert wird, als man qualitativ mit WildKultur-Fisch Besatz nachbesetzen kann.
  • Umwelteinflüsse: Steigende Wassertemperaturen, Sauerstoffmangel im Sommer oder die zunehmende Verschlammung durch Starkregenereignisse machen vielen heimischen Arten den Garaus.
  • Bürokratie & Auflagen: Man möchte renaturieren oder den Bestand stützen, scheitert aber oft an starren Verordnungen oder langwierigen Genehmigungsverfahren.
  • Renaturierung: Es ist ein bürokratisches Paradoxon: Der Erfolg einer Maßnahme wird am verbauten Budget oder an der geänderten Morphologie (also wie „hübsch“ der Fluss aussieht) gemessen, statt an der tatsächlichen biologischen Antwort des Systems – sprich an der Verbesserung der „Biomasse“.
  • Nutzungskonflikte: Badegäste, Stand-up-Paddler oder illegale Müllentsorgung – das Verständnis für das Ökosystem Wasser schwindet in manchen Teilen der Gesellschaft leider spürbar.

Dass die Fischbiomasse – also das tatsächliche Gewicht und die Dichte der Fische pro Hektar – dabei stagniert oder sogar sinkt, taucht in der Erfolgsmeldung gar nicht auf.

Die Biomasse muss die Messlatte sein

Die Fischbiomasse ist der ultimative Indikator, weil sie alles zusammenfasst:

  • Nahrungsnetz: Gibt es genug Makrozoobenthos (Insektenlarven etc.)?
  • Überlebensrate: Kommen Jungfische durch den Winter und an den Prädatoren vorbei?
  • Wasserqualität: Ist das Wasser frei von schleichenden Giften und kühl genug?

Wenn Millionen verbaut werden, aber die Biomasse sinkt, ist das ein klares Zeichen für eine Fehlinvestition oder ein massives externes Problem, wie eben den Fraß Druck durch Prädatoren, Kolmatierung, etc., das die baulichen Verbesserungen komplett neutralisiert.

Die WRRL (EU-Wasserrahmenrichtlinie) fordert den „guten ökologischen Zustand“, und der definiert sich eben nicht über ein paar hübsche Baggerarbeiten, sondern über die biologische Qualität.

Dass die Biomasse (kg/ha) oft verschwiegen wird, hat System. Es ist der Unterschied zwischen „Anwesenheit“ und „Funktion“. In Erfolgsmeldungen wird oft nur die Artenzahl gefeiert („Wir haben 12 statt 8 Arten gefunden!“). Das ist jedoch oft Augenwischerei. Die Biomasse hingegen lügt nicht:

Kapazität des Lebensraums

Die Biomasse zeigt an, wie viel „Energie“ das Gewässer tragen kann. Wenn Sie ein Ufer renaturieren, aber die Restwassermenge so gering ist, dass im Sommer die Wassertemperatur steigt und der Sauerstoff sinkt, werden die Fische nicht groß. Sie finden keine Nahrung oder sterben vorzeitig ab. Eine sinkende Biomasse bei steigender Artenzahl deutet oft auf ein instabiles System hin, in dem nur noch „Pionierarten“ oder verdrängte Kleinfische überleben.

Die WRRL-Konformität (Fischindex)

Nach WRRL wird der Fischbestand mit dem Referenzzustand (Leitbild) verglichen. Dabei fließen ein:

  • Artenspektrum (Wer ist da?)
  • Abundanz (Wie viele sind da?)
  • Altersstruktur (Gibt es Nachwuchs und alte „Kapitale“?)

Wenn die Biomasse stagniert, ist das ein klares Indiz dafür, dass die Altersstruktur gestört ist. Es fehlen die großen, schweren Laichfische. Ein Gewässer mit vielen winzigen Fischen kann zwar eine hohe Individuenzahl haben, ist aber ökologisch oft ein Sanierungsfall.

Energetische Durchgängigkeit

Biomasse muss „wandern“ können. Wenn Dämme den Aufstieg von Nährstoffen und Fischen verhindern (Dam Removal fehlt!), bricht die Biomasse im Oberlauf oft ein, weil der genetische und energetische Austausch von unten fehlt.

Warum die Biomasse ignoriert wird

Es gibt drei Hauptgründe für dieses „statistische Versteckspiel“:

  1. Erfolgszwang: Renaturierungen sind teuer. Wenn man zugibt, dass die Biomasse sinkt, müsste man eingestehen, dass die Maßnahme (ohne Restwasser/Durchgängigkeit) verpufft ist.
  2. Komplexität: Die Biomasse schwankt natürlicherweise stärker (durch Hochwasser oder Kältejahre) als die reine Artenpräsenz. Man nutzt diese Varianz gerne als Ausrede, um sie nicht als harten KPI (Key Performance Indicator) zu führen.
  3. Wasserkraft-Lobby: Eine Forderung nach mehr Biomasse führt unweigerlich zur Forderung nach mehr Restwasser. Mehr Wasser im Fluss bedeutet weniger Wasser in der Turbine – und damit weniger Rendite.

Die ökologische Realität

Ein Beispiel: Sie finden bei der Befischung 100 kleine Bachforellen (Sömmerlinge). Das sieht in der Statistik toll aus. Wenn diese aber aufgrund von Nahrungsmangel oder fehlenden Unterständen nie größer als 15 cm werden, erreichen sie nie das Laichalter. Die Biomasse bleibt niedrig, und der Bestand ist nicht nachhaltig.

Ohne die Berücksichtigung der Biomasse und der Produktivität ist jede Erfolgskontrolle eigentlich nur eine Bestandsaufnahme des „langsamen Sterbens“.

Kritischer Punkt: Solange die Bewirtschafter, die täglich am Wasser sind, nicht in die Evaluierung dieser Projekte mit einbezogen werden, wird weiter am Ziel vorbeigeschossen.

Aufgaben eines echten Restaurators am Gewässer

  • Produktivität wiederherstellen: Es geht darum, dass die Nahrungskette von der Alge bis zum Apex-Prädiator (Huchen, Hecht, Forelle) wieder steht.
  • Habitat-Management: Nicht nur Kies schütten, sondern dafür sorgen, dass dieser Kies nicht nach dem ersten Hochwasser wieder unter Schlamm begraben ist.
  • Bestandsstützung als Brückentechnologie: In einem kranken System muss der Restaurator manchmal nachhelfen (Besatz), bis das System wieder von allein „atmen“ kann.
  • Ökonomischer Schutz: Den Wert des Gewässers als Tourismus-Driver erhalten, indem man dafür sorgt, dass die „Ausstellungsstücke“ (die Fische) auch wirklich vorhanden sind.

Rechtfertigung der Investition

Renaturierungen sind oft Politikum. Steuerzahler und Behörden verlangen Belege für die Effizienz der Mittelverwendung. Ein Anstieg der Biomasse oder die Wiederansiedlung einer Rote-Liste-Art ist das stärkste Argument für zukünftige Projekte.

Solange das Problem der Durchgängigkeit und der Wassermenge nicht gelöst ist, bleibt jede Renaturierung nur „Kosmetik“.

Das frustrierende Fazit

Der Kampf gegen Windmühlen entsteht, weil wir das Ganze im Blick haben (inklusive der Biomasse), während die Behörden oft nur einzelne Paragrafen abarbeiten. Man renoviert zwar mit viel Geld das Gebäude, verweigert jedoch die Maßnahmen, um zu verhindern, dass es sofort wieder geplündert wird.

Weitere Informationen

Neugierig auf mehr? Wissen endet nicht mit dem letzten Punkt. „Tiefgang statt nur Oberfläche: Entdecke die Arbeit und Forschung um unsere Gewässer – mit einem Klick zu unseren exklusiven Insights und modernen Management-Strategien.“

Hier ein Video über das Fliegenfischen im Salzkammergut
Das ist ein hochaktuelles und leider sehr trauriges Beispiel für das, was passiert, wenn die empfindliche Balance eines Flusssystems durch technokratische Eingriffe oder mangelndes Sedimentmanagement gestört wird. Gerald Mandlbauer spricht in den Oberösterreichischen Nachrichten (Ausgabe vom 20. Februar 2026) einen Schmerzpunkt an, der zeigt, dass Totholz und Ufervegetation allein nicht reichen, wenn das „Blut des Flusses“ – das Geschiebe und das Sediment – falsch verwaltet wird.
Es gibt auch Positive Beispiele: Das Projekt am Kaltenbach ist ein Paradebeispiel für moderne Gewässerökologie im Salzkammergut. Es markiert den Übergang von der rein technischen Verbauung hin zu einer naturnahen Wasserwirtschaft, die Hochwasserschutz mit Biodiversität verbindet. Der Kaltenbach wurde ab Herbst 2013, in Vorbereitung der Landesgartenschau 2015 Bad Ischl revitalisiert. Die Gartenschau machte es möglich: Mit der Großveranstaltung 2015 quasi ergab sich die hervorragende Möglichkeit die Umsetzung zahlreicher Projekte in Bad Ischl durchzuführen. Unter dem Motto „Mauern raus – Natur rein“ konnte in diesen Zuge der Unterlauf des Kaltenbachs komplett umgestaltet werden. Ziel des gemeinsamen Projekts von Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV), Gewässerbezirk Gmunden, Bundesforste, Salinen AG und der Stadtgemeinde Bad Ischl, war es, den Kaltenbach aus seinem „Beton-Bett“ herauszuholen und die Au als neuen „Erlebnisraum“ zu etablieren.“
Mit zunehmendem organisatorischem und technischem Vermögen prägten Menschen immer stärker Flüsse und Flusslandschaften. Stand seit der Industrialisierung die technische Nutzbarmachung des Gewässers im Vordergrund, so lässt sich seit wenigen Jahrzehnten ein deutlicher Umschwung im Wasserbau erkennen. Vermehrt wird bei flussbaulichen Eingriffen ökologischen Gesichtspunkten Gewicht beigemessen. Unter dem Leitbild der „Naturnähe“ werden heute alte ingenieurtechnische ‚Fehler’ mit hohem Aufwand wieder ausgeglichen.
Heimo bei der Arbeit
Artikel ist in Arbeit
https://www.worldfishmigrationday.com/
 
Happy Fish© ist ein Symbol für Menschen, Organisationen und Projekte, die darauf abzielen, wieder frei fließende Flüsse für Fischpopulationen zu schaffen. 
 

„Revitalisieren ist ein Puzzlespiel.

Welchen Teil man immer einsetzt – es ist immer mit dem Gesamtbild verbunden“.

Zitat von: Roland Herrigel