Warum uns die Kopie genügt und wir das Original nicht mehr vermissen!
Stell dich an die Traun und hör hin. Wenn du Glück hast, läuft das Wasser über Schotter, bricht sich an Steinen, zieht in wechselndem Tempo durch Rinnen und Kolke. Das ist kein gleichmäßiges Rauschen. Das ist ein Fluss, der lebt.
Die meisten hören das nicht mehr. Sie hören das satte, immer gleiche Rauschen einer Stauhaltung und sagen: schön ruhig hier. Sie stehen vor einer Betonrampe und halten sie für einen Wasserfall. Sie sitzen am trägen, grünen Wasser eines Kraftwerksstaus und finden es idyllisch. Was sie nicht sehen: Der Stau ist eine Sperre für jeden wandernden Fisch. Er wärmt das Wasser. Er nimmt ihm Tempo und Sauerstoff.
Wir haben verlernt, ein Gewässer zu lesen.
Ein Fischereibiologe hat dem Vergessen einen Namen gegeben
Der Begriff dafür kommt nicht von Soziologen, sondern aus unserer eigenen Welt. Der Meeresbiologe Daniel Pauly schrieb 1995 einen kurzen Aufsatz über die Fischerei. Seine Beobachtung: Jede Generation von Fischereiforschern nimmt den Bestand, den sie zu Beginn ihrer Laufbahn vorfindet, als Maßstab. Die nächste Generation startet mit weniger Fisch, akzeptiert auch das als normal, und so geht es weiter. Der lange Niedergang verschwindet aus dem Blick, weil niemand mehr den vollen Ausgangswert kennt. Pauly nannte das Shifting Baseline Syndrome.

Wörtlich: das Syndrom der wandernden Messlatte. Jede Generation setzt die Latte dort an, wo sie das Wasser in ihrer Jugend vorgefunden hat. Was davor schon zerstört wurde, fällt unter den Tisch.
Ein Bursche, der heute an der Traun aufwächst, kennt das Betonufer mit Blockwurf, das Querbauwerk, den aufgestauten lauwarmen Abschnitt. Für ihn ist das der Fluss. Sein Urgroßvater kannte denselben Fluss als wildes Gewässer mit Schotterbänken, kühlen Schattenzonen und wandernden Fischschwärmen. Beide stehen am selben Ufer. Sie sehen nicht dasselbe.
Verbauung, die sich als Natur verkleidet
Über Jahrzehnte ist es gelungen, technische Bauwerke mit Gefühl aufzuladen. Der Kraftwerksstau wird zum „schönen See“. Der Speicherteich für die Schneekanonen oben am Berg wird als „Bergsee“ vermarktet. Die betonierte Promenade gilt als „gepflegte Natur“.

Das ist der Kern des Tricks. Wer am Stausee sitzt und sagt „ist das nicht idyllisch hier“, sieht eine ruhige Wasserfläche. Er sieht nicht die tödliche Schwelle für den Fisch, das künstlich erwärmte Wasser, den Fluss ohne Strömung und ohne Sauerstoff. Die Sprache hat das Bauwerk schöngeredet, und die Augen haben sich daran gewöhnt.
Was wirklich besser war, und was wir trotzdem gewonnen haben
„Früher war alles besser“ ist meist ein Klischee. Das Gehirn verklärt die Jugend. In vielen Dingen stimmt es schlicht nicht: Medizin, Technik und manche Rechte sind heute besser als vor siebzig Jahren.
Beim Wasser ist es anders. Da ist „früher war es besser“ keine Sentimentalität, sondern messbar. Früher waren die Zuflüsse im Juni kühler. Früher gab es mehr Schotterbänke, mehr Schatten am Ufer, mehr Wasser und mehr Fisch.
Und trotzdem dürfen wir einen Erfolg nicht kleinreden. In den 1970er und 1980er Jahren waren viele Flüsse durch ungeklärte Abwässer der Industrie und der Gemeinden biologisch fast tot, stinkend, schaumbedeckt. Der Bau der Kläranlagen hat das gedreht. Heute haben wir oft wieder Wasser, in das man ohne Ekel greift. Fischotter, Biber und Seeadler sind zurück, wo sie jahrzehntelang fehlten. Hier hat sich die Latte nach oben verschoben, und das ist ein echter Sieg des Naturschutzes.
Sauberes Wasser ist heute unser neues Normal. Gut so. Nur ist es eben nur die halbe Geschichte.
Das Problem hat sich verschoben: von der Chemie zur Hitze
Früher war das Problem chemisch. Gift im Wasser. Heute ist es physikalisch und thermisch. Struktur und Temperatur. Ein Fluss kann glasklar und chemisch sauber sein. Wenn er im Juni zu warm wird und keinen Schatten mehr hat, erstickt die Forelle trotzdem. Bachforellen geraten ab rund 20 Grad in Dauerstress, jenseits von etwa 25 Grad wird das Wasser für sie zur Falle. Die Äsche hält noch weniger aus. Dreißig Jahre Messdaten zeigen, was wir am Wasser längst spüren: Die Fischregionen wandern bergauf. Wo früher die Äsche stand, wird es ihr zu warm.
Dazu kommt die Zerstückelung. Ein schön sanierter Flussabschnitt nützt einem wandernden Fisch wenig, wenn drei Kilometer weiter ein unüberwindbares Querbauwerk die Verbindung kappt. Wir kennen das an der Goiserer Traun und an den Traun Zubringer-Bächen Rettenbach, Goiserer Weissenbach und Frauenweißenbach. Die einzelne schöne Stelle täuscht über das durchschnittene Ganze hinweg.
Derselbe Trick auf dem Teller
Das Vergessen hört nicht am Wasser auf. Es sitzt auch auf der Speisekarte.
Für eine ganze Generation ist es normal, dass Pizza, Burger und Kebab den Alltag bilden. Immer verfügbar, laut beworben. Ein ehrliches Brathuhn oder eine frisch gefangene Traunforelle, über Jahrhunderte ganz selbstverständlich, sucht man auf vielen Karten vergeblich. Das Echte ist zur Ausnahme geworden, fast zum Exotischen. Wer die industrielle Massenware als Maßstab annimmt, verliert den Geschmack für das Original.
Und auf dem Acker: die Hecke, die keiner mehr vermisst
Zwischen den Feldern lief früher ein Netz aus Hecken, Feldrainen, Gräben und Gehölzstreifen. Es gab Vögeln Brutplätze, Igeln Winterquartiere, Laufkäfern ein Jagdrevier direkt neben dem Acker. Die Flurbereinigungen nach dem Krieg haben dieses Netz zerschnitten. Hecke für Hecke, Graben für Graben.
Die Logik war immer dieselbe: größere Schläge, breitere Zufahrten, zehn Meter mehr für den Mähdrescher. Früher waren Felder oft nur wenige tausend Quadratmeter groß. Heute kann ein einziger Acker über hundert Hektar messen. Eine naturnahe Hecke beherbergt bis zu 1.500 Tierarten. Mit ihr verschwindet das alles auf einmal.
Der Neuntöter zeigt den Verlust am deutlichsten. Er brütet nur in Dornenhecken aus Schlehe, Weißdorn und Hundsrose und spießt seine Beute auf die Dornen. Keine Dornenhecke, kein Neuntöter. Das Rebhuhn trifft es doppelt: Es braucht den Heckenfuß zum Nisten und den krautigen Rain als Futterfläche für die Küken. Beides fiel im selben Arbeitsgang weg. Europaweit ist der Rebhuhnbestand um 94 Prozent eingebrochen.
Das System sabotiert sich selbst. In der Hecke saßen die Nützlinge, die vom Rand aus die Felder kontrollierten. Ohne Hecke fehlt ihnen das Quartier. Ohne Nützlinge steigt der Schädlingsdruck. Ohne natürliche Kontrolle braucht der Betrieb Pestizide. Am Ende zahlt die Gesellschaft dreimal: für die Rodung, für die Chemie und für die Förderprogramme, die heute wieder Hecken pflanzen. Derselbe Mechanismus wie am Fluss. Was weg ist, vermisst keiner mehr.
Wie wir die Latte zurückholen
- Das Vergessen lässt sich aufhalten, aber nur wenn wir die Vergangenheit sichtbar machen.
- Daher stelle ich auch altes Foto eines Flussabschnitts neben ein heutigen.
- Versuche die alten Bestandsdaten zu dokumentieren.
- Erforsche die Geschichte der Fischerei und der Fischzucht im Salzkammergut
- Die Traun von 1688 über 1844 und 1938 bis heute, bevor die große Verbauungen kamen.
Der Kontrast erklärt mehr als jeder Vortrag.
Daher:
Nenn die Dinge beim Namen. Ein Stau ist kein See. Eine Rampe ist kein Wasserfall. Sobald die Sprache wieder stimmt, wackelt die schöne Kulisse.
Und behalte eine Frage im Kopf, wenn du das nächste Mal am Wasser stehst: Genießt du gerade die Schöpfung oder das Werk eines Bauingenieurs?
Denn was vergessen wird, wird selten geschützt. Erst wenn wir wieder wissen, was uns fehlt, hören wir auf, den Verlust zu feiern. Schau genauer hin. Am Fluss und auf dem Teller.
Ein paar Gedanken
Wir können das Rad der Zeit nicht zurückdrehen. Aber das Vergessen, das können wir aufhalten! Indem wir die Vergangenheit sichtbar machen, alte Fotos zeigen und den Ist-Zustand schonungslos mit dem vergleichen, was einmal war. Nur so können wir Schlüsse ziehen.
Dass es Hoffnung gibt, zeigen die Projekte, die wir selbst beeinflussen können:
- Die Klimaoase Kaltenbach: Dank der Renaturierung durch die Wildbach- und Lawinenverbauung (WLV) zur Landesgartenschau 2015 ist der Unterlauf des Kaltenbachs heute ein barrierefreies Öko-Referenzprojekt. Hier findet Bachforelle „Leopold“ Zuflucht, wenn ihm die Traun zu heiß wird.
- Zukunft im Bruthaus: Im Bruthaus Ebensee haben wir wieder tausende Jungforellen geschützt großgezogen. Sie wurden nun in unsere Bäche ausgesetzt, um sich an die Wildnis anzupassen.
- Schulterschluss für den Fischschutz: Wie akut die Lage ist, zeigte der Besuch von Landesfischermeister Gerhard Sandmayr, der trotz der Hitze von Linz nach Bad Ischl reiste. Gemeinsam haben wir unser Notabfischungs-Equipment überprüft und die Jungfische eingesetzt – ein starkes Zeichen für die Gemeinschaft.
Lassen wir nicht zu, dass die Zerstörung unserer Gewässer zur neuen Normalität erklärt wird. Denn was vergessen wird, wird selten geschützt.
Petri Heil
Weitere Informationen
Das Eigentliche passiert unter der Oberfläche. Am Gewässer wie beim Naturschutz. Auf www.huberpower.com geht es genau dorthin: zur Arbeit am Wasser, zur Forschung dahinter und zu den Projekten, an denen wir gerade arbeiten.
„Es ist unmöglich, zweimal in denselben Fluss hineinzusteigen.“
Zitat von: Heraklit

