Elektrobefischung im Werkskanal Frauenweißen, 16. Juni 2026. Rund 100 Koppen, 21 Bachforellen und eine Regenbogenforelle über 50 cm. Dazu ein Bauwerk, das auf 400 Jahre Holz und Salz zurückblickt.
Am 16. Juni 2026 stand ich im trockengelegten Werkskanal Frauenweißen, dem alten Fluder unterhalb des Kraftwerks Offensee 1. Die Energie AG musste am Wasserschloss Wartungsarbeiten durchführen, dafür wurde der Kanal abgelassen. Was bei laufendem Betrieb unter Wasser liegt, lag plötzlich offen da: ein steiniges Gerinne, ein paar Restpfützen, und darin Fische, die ohne unser Zutun verendet wären. Genau für solche Fälle gibt es die Notabfischung die wir über das FROSKG behördlich mit einer entsprechenden Genehmigung geregelt haben.

Warum überhaupt abgefischt wird
Ein abgelassener Kanal ist ein Todesurteil für alles, was darin lebt. Sobald das Triebwasser fehlt, bleiben nur Pfützen, die Temperatur steigt, der Sauerstoff sinkt. Das OÖ. Fischereigesetz nimmt den Fischereiberechtigten hier in die Pflicht: Wer ein Gewässer bewirtschaftet, muss die Lebensgrundlage der Wassertiere schützen und bei Beeinträchtigung handeln. Ist der Verursacher bekannt, wie hier die Energie AG, meldet er die Trockenlegung rechtzeitig an. Dann rückt eine Mannschaft aus und holt heraus, was zu retten ist.
Equipment zum E-Fischen

Was im Fluder steckte
Polführer war Philipp Schubert von den Österreichischen Bundesforsten. Ich habe ihn im abgelassenen Kanal assistiert. In drei Stunden, von 8:00 bis 11:00 Uhr, kam einiges zusammen.

Rund 100 Koppen. Das allein ist eine Ansage, denn die Koppe gilt als Zeigerart für sauberes, sauerstoffreiches Wasser. Auffällig waren die Größen: viele Tiere bis und über 15 cm, was für diese Art schon stattlich ist. Dazu 21 Bachforellen, die meisten über 30 cm, und eine einzelne Regenbogenforelle von über 50 cm. Alle Fische waren wohl genährt, quer durch die Arten. Ein Kanal, der seine Fische so gut durchbringt, ist kein totes Betonbett, sondern Lebensraum.


Die geretteten Fische wurden anschließend in den Frauenweißenbach ausgesetzt. Dort haben sie wieder Strömung, Deckung und Nahrung.
Das Bauwerk: Fluder, Wasserschloss, zwei Kraftwerke
Der Werkskanal Frauenweißen läuft neben der Offenseestraße. Unterhalb des Kraftwerks Offensee 1 wird er als Fluder abgeleitet und treibt das Kraftwerk Offensee 2. Beide Anlagen gehen auf Stern & Hafferl zurück, eine Rechtsvorgängerin der heutigen Energie AG. Offensee 1 nahm 1908 den Betrieb auf, Offensee 2 ein Jahr später. Zusammen mit dem Kraftwerk Steeg und dem Traunfallwerk legten sie den Grundstein für die Elektrifizierung Oberösterreichs. Heute liefern die beiden Offensee-Kraftwerke rund 20 Millionen kWh Strom im Jahr. 2023 und 2024 wurden sie technisch erneuert.

Das Wasserschloss, an dem gearbeitet wurde, gleicht die Druckschwankungen in der Druckrohrleitung aus. Hier laufen die Ausleitungen zusammen, bevor das Wasser zum Krafthaus stürzt. Für die Fischerei hat so ein Ausleitungskraftwerk einen Haken: Auf der Entnahmestrecke zwischen Wehr und Krafthaus fehlt dem Mutterbach Wasser. Eine Pflichtwasser- oder Restwasservorschreibung, die den Offenseebach unterhalb der Ausleitung verlässlich versorgt, gibt es bis heute nicht. Das ist bis heute nicht gelöst.
Was ist ein Fluder

Unter einem Fluder versteht man (vorwiegend im süddeutschen und österreichischen Raum) eine künstlich angelegte, offene Wasserrinne oder einen Wasserkanal. Historisch bestehen Fluder meist aus Holz (gelegentlich auch aus Stein oder Beton), um Wasser von einem Fluss oder Bach abzuleiten.
Der Begriff wird in verschiedenen, meist historischen oder technischen Kontexten verwendet:
- Mühlenbau & Sägewerke: Ein Fluder leitet das Wasser (den sogenannten „Fluderbach“) vom Hauptgewässer ab, um damit Wasserräder oder Turbinen anzutreiben.
- Bergbau: Im historischen Bergbau dienten Fluder dazu, Wasser abzuführen oder den Erzwäschen zuzuleiten.
- Holztrift: In waldreichen Regionen wurden Fluder (oft als „Riesen“ bezeichnet) genutzt, um geschlagenes Holz auf dem Wasserweg ins Tal zu transportieren.
400 Jahre Holz, Salz und Wasser
Wer in diesem Kanal steht, steht in einer alten Kulturlandschaft. Das Offenseegebiet gehörte einst dem Nonnenkloster Traunkirchen. Der Name Frauenweißenbach erinnert bis heute daran. Mit dem Bau der Saline Ebensee ab 1604 änderte sich alles. Die Sudpfannen brauchten Brennholz, und die ganze Waldwirtschaft des Tales wurde darauf ausgerichtet. Auch das Frauenweißenbach-Offenseebach-Tal wurde für den Holztransport erschlossen.

Das Holz kam über die Trift ins Tal. Am Ausfluss des Offensees stand dafür eine Klause, ein hölzernes Stauwerk. Schon 1666 berichtete man, dass alle vier Tore verfault waren und erneuert werden mussten. So eine Trift war kein sanftes Geschäft. 1887 zerstörten Hochwässer den Großteil der Triftbauten, im selben Jahr ging die letzte Trift am Frauenweißenbach ab. Danach kamen Forststraßen und Pferdefuhrwerke. Von 1909 bis 1954 brachte die Offenseebahn das Langholz mit der Lokomotive ins Tal.
Vom Triftholz zum Triebwasser: Der Bach, der einst Brennholz für das Salz lieferte, treibt heute Turbinen. Geblieben ist das Wasser, und geblieben sind die Fische.
Sicherheitsmaßnahmen
Eine Elektrobefischung sind bei Baumaßnahmen oder Sanierungen von der Energie AG Oberösterreich beim Fischereirechtsinhaber zeitgerecht anzumelden, um den Fischbestand vor Beginn der Wartungs-Arbeiten aus dem Gefahrenbereich zu retten. Wegen der extremen Unfallgefahr und der Strömung ist die Begehung des Werkskanals für Unbefugte lebensgefährlich.
- Gesetzliche Vorgaben: Solche Rettungsaktionen sind Teil lt. OÖ. Fischereigesetz und der Wasserrahmenrichtlinie zum Schutz der Fische und Gewässerökologie.
- Sicherheit: Elektrobefischungen im Bereich von Wasserkraftwerken dürfen nur von qualifizierten Personen unter strikter Einhaltung der Sicherheitsbestimmungen des Anlagenbetreibers (Energie AG) und mit behördlicher Genehmigung erfolgen.
Meldung der Durchführung an die Behörde
Lt. Genehmigung für den Elektrofischfang mit Geschäftszeichen LFW-2019-268010/11-Eb müssen wir über eine Abfischung informieren. Geregelt im „Fischereirevier Oberes Salzkammergut“ über den Notabfischplan.
Gültig für den Zeitraum bis 30. April 2029 haben wir die Genehmigung Not- und Baustellenabfischungen in den Gewässern Fischereirevier Oberes Salzkammergut durchzuführen.
Was bleibt

Drei Stunden Arbeit in einem trockenen Kanal sehen nach wenig aus. In Wahrheit hängt mehr daran. Wir haben rund 122 Fische aus einem Bauwerk geholt, das seit über hundert Jahren Strom macht und davor 300 Jahre dem Holz diente. Solange Menschen so ein Gerinne bewirtschaften, gehört die Notabfischung dazu. Nicht als Pflichtübung, sondern als das, was Hege wirklich heißt.
Ein Kanal verliert sein Wasser in einer Stunde. Einen Fischbestand verliert man für Jahre. Deshalb steigt man hinein.
Kategorien: Frauenweißenbach · Offensee · Kraftwerke · Notabfischung · Elektrofischen · Koppe · Bachforelle · Geschichte · Ebensee · Bewirtschaftung
QUELLENVERZEICHNIS
Stand der Recherche: 24. Juni 2026
• Offensee. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Offensee Quelle für: Nonnenkloster Traunkirchen als früherer Eigentümer, Flurname Frauenweißenbach, Ausrichtung der Holzwirtschaft auf die Saline Ebensee ab 1604, Holztrift und Offenseeklause (Bericht 1666 über die verfaulten Tore), Zerstörung der Triftbauten 1887, Offenseebahn 1909 bis 1954, eiszeitliche Entstehung des Tales.
• Offenseebahn. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Offenseebahn Quelle für die genaue Bauchronik: Errichtung der Waldbahn in Teilabschnitten 1899 bis 1906, offizieller Triftbahnbetrieb ab 26. November 1906, Lokomotivbetrieb ab 22. Juni 1909, letzte Fahrt am 10. Juli 1954, Spurweite 800 mm, bis zu 10.000 Festmeter Langholz pro Jahr.
• Ebensee am Traunsee. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Ebensee_am_Traunsee Quelle für die Saline: Befehl Kaiser Rudolfs II. 1596, Realisierung ab 1604, erstes Salz am 8. Februar 1607; die Ebenseer Kirche unterstand dem Kloster Traunkirchen.
• Kraftwerk Offensee 1. In: Wikipedia, Die freie Enzyklopädie. https://de.wikipedia.org/wiki/Kraftwerk_Offensee_1 Quelle für: Errichtung durch Stern & Hafferl, Inbetriebnahme 1908, Nutzung des Offenseebaches und der Zuflüsse aus dem Gimbachtal.
• Siemens Energy Austria modernisiert Traditionskraftwerke Offensee I & II in Ebensee. In: zek HYDRO, 2025. https://hydro.zek.at/technik/siemens-energy-austria-modernisiert-traditionskraftwerke-offensee-i-ii-in-ebensee/ Quelle für: Modernisierung der beiden Kraftwerke 2023 bis 2024, jährliche Erzeugung von rund 20.000 MWh, Engpassleistung von rund 4.000 kW, Inbetriebnahme 1908.
• Huber, Heimo: Wasserschloss Abfischung. Fischereimanagement Salzkammergut (huberpower.com), 8. April 2024. https://huberpower.com/wordpress/?p=31951 Eigener Vorgängerbeitrag. Quelle für: Funktion des Wasserschlosses, Ablauf der Notabfischung, rechtlicher Rahmen nach OÖ. Fischereigesetz, fischereiliche Zuordnung des Werkskanals zum Offenseebach.
• Rieder, Walter: Vorläufiger historischer Überblick in Chronikform über die Geschichte von Ebensee. Quelle zur Einordnung abweichender Jahreszahlen: Errichtung der Offenseeklause 1766, Frauenweißenbachrechen 1770, letzte Trift am Frauenweißenbach und großes Hochwasser am 22. August 1887.
• Weidinger, J. T.; Lobitzer, H.; Spitzbart, I. (Hrsg.): Beiträge zur Geologie des Salzkammerguts. Gmundner Geo-Studien 2, 2003 (digitalisiert über zobodat.at). Quelle für: Frauenweißenbach als Unterlauf des Offenseebaches und dessen Schwemmkegel im Traunseebecken.
Anmerkung zur Quellenlage
Zur Holztrift gehen die Quellen bei den Jahreszahlen leicht auseinander. Der Bericht über die verfaulten Tore der Klause stammt aus dem Jahr 1666 und betrifft eine ältere hölzerne Anlage. Die Ebenseer Chronik nennt zusätzlich eine 1766 errichtete Offenseeklause und einen 1770 errichteten Frauenweißenbachrechen. Das ist kein Widerspruch, sondern eine ältere und eine später erneuerte Anlage. Die Angabe „Offenseebahn 1909 bis 1954“ bezieht sich auf den Lokomotivbetrieb; die Waldbahn selbst wurde bereits ab 1899 in Teilabschnitten gebaut.
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„Das Prinzip aller Dinge ist das Wasser, denn Wasser ist alles und ins Wasser kehrt alles zurück.“
Zitat von: Thales von Milet (um 625 – um 547 v.Chr.), griech. Philosop

