DIE FISCHREGIONEN WANDERN BERGAUF

Dreißig Jahre Messdaten zeigen, was wir am Wasser längst spüren. Die Grenzen zwischen Forellen, Äschen und Barben verschieben sich. Der Treiber ist die Wassertemperatur, und die hängt an der Seehöhe. Aber nicht überall gleich stark. Wir reden hier nicht über ein Gefühl. Wir reden über eine messbare Verschiebung der Fischregionsgrenzen. Sie ist über drei Jahrzehnte schleichend gekommen, Jahr für Jahr ein kleines Stück. Heute lässt sie sich in Zahlen fassen.

Ein Fluss verändert sich von der Quelle bis zur Mündung radikal. Je weiter das Wasser nach unten fließt, desto wärmer, langsamer und sauerstoffärmer wird es. Weil Fische bestimmte Wassertemperaturen und Strömungen brauchen, teilt man Fließgewässer in fünf klassische Fischregionen ein. Sie sind jeweils nach der Fischart benannt, die dort die besten Lebensbedingungen vorfindet.

Hier ist die Übersicht von oben nach unten – auch perfekt verständlich für den nicht Fischer:

Die Forellenregion (Oberlauf / Gebirgsbach)

  • Das Wasser: Eiskalt (selten über 10 °C), reißende Strömung, extrem viel Sauerstoff. Der Boden besteht aus großen Steinen und grobem Kies.
  • Die Fische: Hier leben echte Leistungssportler. Sie müssen gegen die starke Strömung ankommen.
  • Leitarten: Bachforelle, Koppe und Elritze.
Die Forellenregion (Oberlauf / Gebirgsbach). Quelle: BLINKER mit tollen Poster zu den Fisch-Regionen (1980). 

Die Äschenregion (Obere Mittellauf)

  • Das Wasser: Immer noch kühl und schnell fließend, aber der Fluss wird breiter. Der Boden wechselt zu feinerem Kies.
  • Die Fische: Die Strömung lässt etwas nach, was flinkem Nachwuchs und etwas größeren Schwarmfischen Platz bietet.
  • Leitarten: Äsche, Huchen (der größte Forellenfisch) und Schneider.
  • Hinweis fürs Salzkammergut: Die großen Flüsse im FROSKG-Revier (wie die Traun) sind klassische, wunderschöne Äschen- und Forellenregionen!
Die Äschenregion – typisch im Salzkammergut, die Obere Traun zwischen Traunsee und Hallstättersee.
Quelle: BLINKER mit tollen Poster zu den Fisch-Regionen (1980).

Die Barbenregion (Unterer Mittellauf)

  • Das Wasser: Mäßige Strömung, das Wasser wird im Sommer schon spürbar wärmer (über 15 °C) und etwas trüber. Am Boden findet man Sand und feinen Kies.
  • Die Fische: Hier leben Fische, die gerne am Boden nach Nahrung suchen. Die Barbe nutzt dafür ihre typischen Barteln (Tastorgane am Maul).
  • Leitarten: Barbe, Nase, Döbel (Aitel).
Die Barbenregion – typisch im Salzkammergut, die Ischler Ache als Auslauf des Wolfgangsee.
Quelle: BLINKER mit tollen Poster zu den Fisch-Regionen (1980).

Die Brachsenregion / Bleiregion (Unterlauf / Tieflandfluss)

  • Das Wasser: Der Fluss fließt träge und langsam. Das Wasser erwärmt sich im Sommer stark (über 20 °C) und ist oft trüb. Der Boden ist schlammig.
  • Die Fische: Sauerstoffarme Bedingungen machen den Forellen hier den Garaus. Stattdessen dominieren Karpfenartige, die im Schlamm wühlen, und Raubfische, die im trüben Wasser auf Sicht jagen.
  • Leitarten: Brachse (Blei), Karpfen, Schleie, Hecht und Zander.
Die Brachsenregion – im Salzkammergut nicht typisch vorzufinden und ist eher in den wärmeren Seen, wie Mondsees, Irrsee, Wallersee oder Wolfgangsees. Quelle: BLINKER mit tollen Poster zu den Fisch-Regionen (1980).

Von Natur aus hat das Salzkammergut die Brachsenregion fast nur in den Uferzonen seiner Seen. Wo sie heute in den Flüssen auftaucht, ist sie oft das traurige Ergebnis von menschlichen Eingriffen und Staumauern – ein perfektes Praxisbeispiel dafür, warum der Schutz des natürlichen Geschiebe- und Strömungshaushalts so überlebenswichtig ist!

Die Kaulbarsch-Flunder-Region (Mündungsbereich / Brackwasser)

  • Das Wasser: Der Fluss mündet ins Meer. Das Wasser ist fast stehend, sehr nährstoffreich und vermischt sich mit dem Salzwasser (Brackwasser).
  • Die Fische: Hier leben extrem anpassungsfähige Arten, die sowohl mit Süß- als auch mit leichtem Salzwasser zurechtkommen.
  • Leitarten: Kaulbarsch, Flunder, Stint und Aal.
Eine echte Kaulbarsch-Flunder-Region gibt es in Österreich nicht. Der Grund dafür ist geografisch ganz einfach: Österreich ist ein Binnenland und hat keinen direkten Zugang zum Meer. Diese Region beschreibt aber exakt den Übergangsbereich, wo ein Fluss in den Ozean mündet und sich Süßwasser mit Salzwasser zu sogenanntem Brackwasser vermischt.
Quelle: BLINKER mit tollen Poster zu den Fisch-Regionen (1980).

Das „Aber“: Die Fische gibt es trotzdem bei uns!

Obwohl wir die Region als Ökosystem nicht haben, kommen die beiden namensgebenden Fischarten in Österreich durchaus vor – allerdings unter anderen Umständen:

  • Der Kaulbarsch: Er ist extrem anpassungsfähig. Da er nicht zwingend Brackwasser braucht, lebt er in Österreich als „Einwanderer“ in der Brachsenregion (Unterlauf der Donau, March, Thaya) sowie in manchen großen, wärmeren Seen.
  • Die Flunder: Sie ist eigentlich ein Plattfisch des Meeres, der aber gerne zum Fressen die Flüsse hinaufwandert. In ganz seltenen Ausnahmefällen wurden in der Vergangenheit einzelne Flundern in den tiefsten Lagen der österreichischen Donau (nahe der Grenze zu Slowakei/Ungarn) gesichtet. Durch die vielen Kraftwerksbarrieren flussaufwärts ist dieser Weg heute aber praktisch komplett abgeschnitten.

Wasserkraftwerke verändern diese Regionen künstlich. Ein Staudamm verwandelt eine schnell fließende, kühle Äschenregion schlagartig in eine warme, schlammige Brachsenregion. Die heimischen Fische verlieren dadurch schlichtweg ihre Heimat.

Wo die Höhe zählt, und wo nicht

Der Schlüssel ist der Zusammenhang zwischen Seehöhe und Wassertemperatur. Je höher ein Gewässer liegt, desto kühler ist es normalerweise. Diesen Zusammenhang haben wir für die Bioregionen rund um die Obere Traun gerechnet, einmal für den Referenzzeitraum 1984 bis 1994 und einmal für den aktuellen Zeitraum 2013 bis 2023. Als Maß dienen die Jahressummengrade, also die über das Jahr aufsummierte Wärme in Grad mal Tag. Das Ergebnis ist in allen Regionen dasselbe. Die Regression Gerade liegt heute höher. Das Wasser ist wärmer, über alle Höhenlagen hinweg. Unterschiede gibt es im Detail:

Die Kalkalpen zeigen, wie die Schere aufgeht

Am deutlichsten ist das Bild in den Kalkvoralpen und Nördlichen Kalkhochalpen. Die Steigung der Regression Gerade ist von minus 3,55 auf minus 4,89 Grad mal Tag je Höhenmeter gewachsen. In Worten: Der Temperaturunterschied zwischen hoch und tief gelegenen Gewässern ist größer geworden.

Der Lebensraum für die Bachforelle und die Äsche wird immer kleiner.

Der Grund liegt im Wasserhaushalt. Die tiefen Lagen heizen sich überproportional auf. Die hohen, schneereichen Lagen bleiben länger kühl. Die Schneeschmelze setzt später ein, die Abflüsse sollten höher sein, die Ufer sind in den Oberläufen stärker beschattet. Solange dieses Kaltwasserpolster, gespeist vom Dachsteingletscher oben hält, gibt es einen Rückzugsraum für Forelle und Äsche. Genau dieses Polster ist das Pfand für die nächsten Jahrzehnte.

  • Es bricht die lokale Brille auf: Du zeigst, dass das FROSKG nicht nur für die Fischer vor Ort wichtig ist, sondern eine nationale Bedeutung als ökologischer Rückzugsraum hat.
  • Es erzeugt Dringlichkeit: Der Begriff „Pfand für die nächsten Jahrzehnte“ macht klar, dass jetzt gehandelt werden muss, bevor der Gletscher und die Schneesicherheit weiter zurückgehen.

Unsere Rechnung steht nicht allein

Die neue Landesstudie zu Oberösterreichs Fließgewässern, im Februar 2026 von Umweltlandesrat Stefan Kaineder vorgestellt, kommt aus derselben Richtung. Sie wertet die Daten von 61 Pegelstellen über den Zeitraum 1984 bis 2023 aus. Im Schnitt sind die Gewässer um 1,9 Grad wärmer geworden. Spitzenreiter sind die Krems bei Kremsmünster mit plus 3,86 Grad und die Feldaist in Kefermarkt mit plus 3,26 Grad. Bis 2050 rechnet die Studie mit weiteren rund 1,2 Grad.

Foto: Dr. Wolfgang Ladin

Das Ministerium rechnet die Folge in eine Größe um, die jeder Fischer versteht. Rund 0,8 Grad mehr Wassertemperatur entsprechen einer Verschiebung um etwa 100 Höhenmeter. Die Fischregionen wandern also wörtlich bergauf. Modelle der BOKU beziffern diese Wanderung mit 40 bis 50 Flusskilometern bis 2050.

Was das für unsere Fische heißt

Die Forellen und Äschenregion wird flussaufwärts gedrückt, die Barbenregion rückt von unten nach. Die Gmundner Traun hat diesen Weg fast hinter sich. Aus einer klassischen Äschenregion ist in dreißig bis vierzig Jahren zunehmend eine Barbenregion geworden. Wo die 19 Grad Marke immer öfter fällt, verliert die Äsche ihren Vorteil. Das Tückische an der Sache: Die Wanderung nach oben hilft nur, solange oben kaltes Wasser bleibt. Verliert der Dachstein sein Gletscher und Schneepolster, schrumpft der Rückzugsraum genau dort, wohin die Kaltwasserarten ausweichen müssten. Dann sitzen sie in der Falle.

Deshalb zählt nicht die Klage über das Thermometer, sondern die Arbeit am Lebensraum. Beschattete Ufer, durchgängige Bäche, Rückbau von Stauen, sauerstoffreiche Fließstrecken. Schon zehn bis zwanzig Prozent mehr Beschattung senken die Temperaturspitzen um zwei bis drei Grad. Für eine Äsche kann das der Unterschied zwischen Stress und Lebensgefahr sein.

Die Zahlen sind eindeutig. Was wir mit ihnen anfangen, ist unsere Entscheidung.

Quellen und Daten

Titel-Bild von Rudolf von Alt: Der Dachstein vom Vorderen Gosausee (1838): Ein Aquarell, das die majestätische Kulisse des Dachsteingletschers und des Gosaukamms eindrucksvoll einfängt. Quelle: Wikipedia
https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Rudolf_von_Alt_-_Der_Dachstein_im_Salzkammergut_vom_Vorderen_Gosausee_-_1840.jpg

Wunderschöne Poster vom Blinker.
Vom BLINKER gab es in den 1980er Jahren 5 tolle Poster mit den verschiedenen Fisch-Regionen. Und zwar die Bachforellen-Region, die Äschen-Region, die Barben-Region, die Brassen-Region und die Brackwasser-Region. 5 Fisch-Regionen zum Downloaden

Land Oberösterreich, Studie zur Erwärmung der Fließgewässer, vorgestellt im Februar 2026 (61 Pegelstellen, 1984 bis 2023).

Bundesministerium (BMLUK), Anpassungsstrategien an den Klimawandel für Österreichs Wasserwirtschaft.

BOKU Wien, Temperaturansprüche und Auswirkungen des Klimawandels auf die Fischfauna in Flüssen und unterhalb von Seen.

Eigene Auswertung, Fischereirevier Oberes Salzkammergut: Jahressummengrade und Regressionsparameter für die Zeiträume 1984 bis 1994 und 2013 bis 2023.

Weitere Informationen

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Dr. Wolfgang Ladins Artikel „Der Einfluss der Wassertemperatur auf den Fischbestand der Gmundner Traun“ aus dem Jahr 1993 ist ein Paradebeispiel für das, was man heute als „Citizen Science“ oder ökologische Früherkennung bezeichnen würde. Während die breite Öffentlichkeit das Thema Klimaerwärmung damals noch als abstraktes Zukunftsszenario abtat, erkannten die Fischer der Gmundner Traun bereits die Veränderungen in der Natur.
Nichts wirkt für sich allein. Alles, – der Wasserstand, die Insekten, Vögel und die Fische, Renaturierung- und Gewässerverbauung, die Witterung, das Geschiebe, welches durch die Traun und ihre Nebenbäche transportiert wird, bis hin zur Entwicklung des Dachstein Gletscher. Dies alles hat auch ihren Einfluss auf ein Gewässer und denn darin lebenden Fische, Insekten und Wasserpflanzen und deren Vorkommen und Wohlbefinden 
Wasser ist zur Zeit in aller Munde. Das Wasser in unseren Gewässern im Salzkammergut wird seit Jahren immer wärmer. Die heißen Lufttemperaturen allein reichen als Erklärung nicht. Wobei das Jahr 2024 für die Bergflüsse ein gutes war: Es gab in kurzen Abständen immer wieder Regen, und weil es im April in den Bergen noch ausgiebig geschneit hatte, floss auch viel kühles Schmelzwasser in die Gewässer.
 

„Unsere Fische sind in Not: ihr Lebensraum wird bedroht,

Prädatoren nehmen überhand und der Klimawandel setzt ihnen zu.“

Fischereimanagement Salzkammergut

 

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