TOTHOLZ BRINGT LEBEN

Was Karl Ploberger für den Garten empfiehlt, nämlich „Totholz bringt in den Garten nicht nur Leben, sondern vor allem auch Vielfalt.“ Immer dann, wenn Schädlinge in Massen auftreten, heißt es, die Ökologie walten zu lassen – und die findet man im abgestorbenen Holz. Und so kann man Öko-Oasen schaffen, die dennoch dekorativ sind.

Der „Ploberger-Effekt“ am Wasser

Wenn man das Totholz geschickt mit der (noch anwachsenden) Ufervegetation kombiniert, entsteht ein fließender Übergang. Die graue Patina des alten Holzes kontrastiert herrlich mit dem frischen Grün der jungen Bäume. Man schafft damit ein Sicherheitsnetz: Sollte die junge Vegetation einmal schwächeln (z. B. durch Schädlinge), sind die „Retter“ aus dem Totholz bereits vor Ort. Man braucht eigentlich nur den Mut, das „Alte“ stehen oder liegen zu lassen, während das „Neue“ noch Zeit zum Wachsen braucht.

Nebeneffekt

In dem Totholz finden hunderte Insekten, Käfer, Larven, aber auch Reptilien und sogar Vögel ihre Nist- und Futterplätze. Was dem Garten und seinen Tieren hilft, hilft auch in unseren Gewässern….

Heutzutage treiben im Wasser liegende Baumstämme den Flussprozesse an und bieten Forellen und Hechten in unseren Gewässern viele Vorteile und wo sie auch, wenn möglich nicht entfernt werden sollen. 

Bevor Pflanzen tiefe Wurzelsysteme entwickelten, waren Flüsse meist breite, flache und chaotische Gebilde, die bei jedem Hochwasser ihren Lauf komplett änderten (sogenannte „verwilderte Flüsse“). Erst der Bioturbations-Effekt der Wurzeln hat die Erde buchstäblich „festgehalten“.

Die Evolution der Flussarchitektur

  • Wurzelkraft: Wurzeln fungieren wie natürlicher Bewehrungsstahl im Beton. Sie erhöhen die Kohäsion des Ufersediments um das Zehn- bis Hundertfache. Dadurch entstanden die stabilen, tiefen Mäander (Flussschlingen), die wir heute als idyllisch empfinden.
  • Totholz als „Fluss-Ingenieur“: Wie du richtig sagst, wirkt ein ins Wasser gestürzter Baum wie ein dynamisches Hindernis. Er erzeugt Strömungsdiversität:
    • Prallhang-Effekt: Das Wasser wird umgelenkt, gräbt tiefe Gumpen (wichtig für große Fische).
    • Strömungsschatten: Hinter dem Stamm lagert sich Kies ab – der perfekte Laichplatz für Forellen.

Warum Forelle und Hecht „Holzmöbel“ lieben

Es ist ein faszinierende Prozess der Eigendynamik. Sobald ein Baumstamm oder ein größeres Astpaket im Wasser liegt, beginnt der Fluss oder Bach sofort mit der „Umgestaltung“ seines Betts.

In einem aufgeräumten, kanalisierten Fluss haben Fische Stress. Totholz im Wasser bietet ihnen:

  1. Unterstand: Schutz vor Fressfeinden aus der Luft (Reiher) oder dem Wasser (große Raubfische).
  2. Energiesparen: In den Wirbeln hinter dem Holz können Fische fast ohne Kraftaufwand stehen und darauf warten, dass die Strömung Nahrung heranträgt.
  3. Kinderstube: Das Holz bietet enorme Oberflächen für Biofilme und Insektenlarven – das Buffet für den Nachwuchs.

Ein Umdenken in der Wasserwirtschaft

Lange Zeit war es Vorschrift, jedes Stück Holz sofort aus dem Fluss zu ziehen („Verklausungsgefahr“). Heute weiß man: Solange keine Brücken oder Siedlungen unmittelbar gefährdet sind, ist belassenes Totholz die günstigste und effektivste Revitalisierungsmaßnahme, die es gibt. Es macht den Fluss wieder „wild“ und gesund.

Instream-Strukturen

In der modernen Renaturierung werden oft ganz bewusst Baumstämme mit Wurzelballen in das Flussbett gerammt und mit Stahlseilen oder Steinen gesichert.

  • Was wir tun: Wir simulieren den natürlichen Sturz eines Baumes.
  • Das Vorbild: Das erste Auftreten von verholzten Stämmen, die so stabil waren, dass sie nicht sofort verrotteten, sondern als physikalische Barrieren das Strömungsbild für Jahrhunderte prägten.
In der modernen Renaturierung werden oft ganz bewusst Baumstämme mit Wurzelballen in das Flussbett gerammt und mit Stahlseilen oder Steinen gesichert.

Die Rauheit des Untergrunds

Ein betonierter Bach ist glatt. Ein natürlicher Fluss ist „rau“.

  • Was wir tun: Wir schütten Störsteine und Totholzbündel (Faschinen) ein, um die Fließgeschwindigkeit zu bremsen.
  • Das Vorbild: Das organische Material, das seit dem Devon den Flüssen ihre Energie nimmt und sie so zu Lebensräumen statt zu bloßen Entwässerungsrinnen macht.
Die Skizze zeigt die bei Baum-Clustern empfohlene Verankerungstechnik (Verankerung des Wurzelstocks an einem eingegrabenen
Ankerstein). Aufgrund der Gesamtwirkung als grosse Struktur sind Cluster z. T. starken Strömungskräften ausgesetzt. Es ist darauf
zu achten, dass jeder Wurzelstock des Clusters seinen eigenen Ankerstein hat.
Quelle: Gemäß Standard CC BY-SA 4.0;
https://plattform-renaturierung.ch/revitalisierung/planung-umsetzung/strukturierungsmassnahmen/

Die Ironie der Geschichte

Wir geben heute Millionen Euro aus, um Betonmauern abzureißen und mühsam Weidenstöcke einzupflanzen oder Totholz zu verankern. Dabei machen wir eigentlich nichts anderes, als die „Software“ der Natur wieder zu installieren, die wir im Zeitalter der Industrialisierung gelöscht hatten. Es ist eine Form von Demut: Wir erkennen an, dass ein umgestürzter Baum im Wasser kein „Hindernis“ für den Fortschritt ist, sondern ein hochkomplexes Bauteil für ein funktionierendes Klima und die Artenvielfalt.

Eine solche gewachsenen, durch Drift entstandene Totholz-Ansammlung mit treibenden Weiden, ist ein sehr wichtiges Strukturelement im Gewässer und von diesen sollte es durchaus mehr geben.

Renaissance für Uferzonen

Nach mehreren Jahrzehnten des „Kahlschlags“ und dem Entfernen von Baumstämmen aus unseren Uferzonen ist eine Renaissance im Gange, um heimische Bäume und Sträucher wieder an die Ufer unsere Gewässer zu bringen. Um einige der potenziellen Gefahren zu mindern, werden Brücken mit breiteren Pfeilern gebaut, damit Holzstämme hindurch treiben können.
An Orten, an denen die Sicherheit ein Problem darstellt, werden Piloten am Boden verankert, um sicherzustellen, dass sie sich Einbauten nicht bewegen und gleichzeitig dem Ökosystem die gewünschten Vorteile bringen. In Gebieten ohne Risiko für Erholung und Infrastruktur werden Ufergehölze erlang der Bachläufe platziert. Dadurch kann sich der Fluss frei bewegen und ablagern. Das Verwalten von Bäumen entlang unserer Flüssen wird ein Balanceakt bleiben, der gleichzeitig dem Ökosystem und auch der öffentlichen Sicherheit zugutekommt.
Der umgestürzte Baum trägt dazu bei, die aquatische Nahrungskette von unten nach oben zu ernähren.
Quelle: Sarah Höferl, Gewässerökologin beim Welser Ingenieurbüro Blattfisch. 
Da es sich langfristig an Ort und Stelle festsetzt, bietet Holz eine Oberfläche für das Wachstum von Algen und fängt oft kleinere Stöcke, Blätter und anderes organisches Material ein: Nahrungsquellen für eine Vielzahl aquatischer Makrowirbelloser.
Große Holzkonstruktionen sind wesentliche Elemente vieler Restaurierungsprojekte der Ausable River Association, da sie bei Überschwemmungen stabil sind. Sie bieten auch Möglichkeiten für ein schnelles Wachstum einheimischer Pflanzen und schaffen einen reichhaltigen Uferpuffer. Quelle: Sarah Höferl, Gewässerökologin beim Welser Ingenieurbüro Blattfisch. 
Große Gehölze, wie z. B. gestaltete Holzbänke entlang eines Flusses, werden zu einer Plattform für neuen Uferbewuchs.

Gewässer sind jene Lebensräume im Salzkammergut, die sich wohl am meisten von ihrem natürlichen Zustand entfernt haben. Die Gewässerschutzpolitik hat zum Ziel, Flüsse und Bäche aufzuwerten. Dies soll mit folgenden Maßnahmen geschehen: Ausreichender Gewässerraum, Revitalisierungen und die Reduktion der negativen Auswirkungen der Wasserkraftnutzung.

Weitere Informationen

Neugierig auf mehr? Wissen endet nicht mit dem letzten Punkt. „Tiefgang statt nur Oberfläche: Entdecke die Arbeit und Forschung um unsere Gewässer – mit einem Klick zu unseren exklusiven Insights und modernen Management-Strategien.“

Einer der größten Einflüsse auf die Gesundheit eines Baches oder Flusses ist die Vegetation an seinen Ufern. Der Vegetationsstreifen entlang eines Gewässers wird Uferpuffer genannt. Puffer spielen zahlreiche wichtige Rollen für den Fluss, die Tierwelt und die menschlichen Gemeinschaften. Endlich wurden zum Schutz der Uferrandstreifen auch rechtlichen Bestimmungen mit der Nitrat Aktionsprogramm Verordnung (NAPV)) als auch Förderrichtlinien im Rahmen der Gemeinsamen Agrarpolitik (GAP) zum Anlegen und zur Erhaltung entlang von Gewässern geschaffen. Mit der Novelle des Nitrataktionsprogramms (NAPV) gelten ab 2023 strengere Auflagen bei der Bewirtschaftung von Flächen neben Gewässern.
Wie schafft man neue Lebensräume für Pflanzen und Tier? Genau, durch die Renaturierung unserer Fließgewässer. In der Gemeinde Bad Goisern wird entlang der Traun eine Wiese vom Reinhalteverband (RHV) in die Betreuung vom Gewässerbezirk Gmunden übergeben. Damit gibt es die Möglichkeit in einem „mittleren Projekt“ an der Traun, gleich unterhalb von der Goiserer Weissenbach Mündung, auf einer Länge von 500 Meter zu renaturieren und zu verbreitert. 
Gleich vorweg der Hinweis: „Die Verwendung von Textauszügen und Abbildungen aus dem Handbuch oder den Bautypenblättern sowie der Skizzen ist unter Angabe der Quelle gemäß Standard CC BY-SA 4.0 ausdrücklich erwünscht.“ Ebenfalls erwünscht ist die Verwendung der Skizzen der Bautypenblätter. Diese sind auf der Website auch separat verfügbar. Daher erlaube ich mir, dieses online zur Verfügung gestellte Wissen über Strukturierungsmaßnahmen im Wasserbau von der Wasser-Agenda 21 zu übernehmen. Mit der „Wasser-Agenda 21“ wurde in der Schweiz, auf Initiative verschiedener Kantone, ein Projekt umgesetzt, um die schweizweiten dezentral vorhandenen Erfahrungen über Strukturierungsmaßnahmen zusammentragen und zu dokumentieren. Die Sammlung von Wissen und von Erfahrungen zu diesen Thema scheint in der Schweiz wichtig zu sein und auch für mich, als Laie im Wasserbau und als Fischer und Gewässerbewirtschafter gibt es eine „Wissensdatenbank„, die einen sehr guten Überblick über verschiedene Methoden und Beispiele für Strukturierungsmaßnahmen dokumentiert und zusammenfasst.

„Bei gleicher Umgebung lebt doch jeder in einer anderen Welt.“

Zitat von: Arthur Schopenhauer