Ein Treffen mit Seltenheitswert und eine Überraschung im Gepäck: Am 8. September 2026 durften wir ÖKF-Präsident Dr. Heinz Heistinger bei uns im FROSKG begrüßen. Gemeinsam mit unserem Revier-Tierarzt Mag. Walter Reisinger standen zukunftsweisende Gespräche über die Zertifizierung unserer Fischzuchtanlage und eine noch engere Zusammenarbeit mit dem ÖKF auf dem Programm. Doch Theorie ist bekanntlich nur die halbe Miete. Direkt im Anschluss ging es mit Heinz zum praktischen Feldtraining an die Obere Traun.

Um den Worten gleich Taten folgen zu lassen, packte Heinz kurzentschlossen sein mobiles Labor aus: Den VISOCOLOR Fish Koffer und ein Microskop. Für unser spontanes Feldtraining gings direkt ans Ufer der Oberen Traun. Glasklares Wasser, beste Bedingungen für Forelle und Äsche – und mittendrin die Praxis Fragen: Wie zieht man Proben richtig und welche Parameter lassen sich in Minutenschnelle ermitteln? Sowohl oberhalb der Lauffener Straßenbrücke als auch an der Goiserer Weißenbachbrücke zeigt uns der Experte Schritt für Schritt, wie die chemische Wasseranalyse im Feld abläuft.

Der VISOCOLOR Fish Analysenkoffer von Macherey-Nagel deckt sechs Parameter ab, die für die Beurteilung eines Fischereigewässers zählen: Ammonium, Nitrat, Nitrit, Phosphat, pH-Wert und Gesamthärte. Ammonium, Nitrat und Nitrit zeigen die Stickstoffbelastung, Phosphat weist auf Nährstoffeinträge und Algenwachstum hin, pH-Wert und Gesamthärte liefern die Basisdaten für jede weitere Einschätzung. Alle sechs Werte lassen sich mit einem einzigen Koffer direkt am Gewässer bestimmen, ohne Photometer und ohne Stromanschluss. Die Auswertung erfolgt per Farbvergleich.
Stresstest
Wie man mit den Proben vom Fedldtest sieht, die idyllische Kulisse täuscht: Der aktuell extrem geringe Wasserabfluss der Oberen Traun fordert unseren Gewässern alles ab. Niedrige Pegelstände bedeuten geringere Strömung, schnellere Erwärmung und eine veränderte Konzentration von Inhaltsstoffen – ein echter Stresstest für das gesamte Ökosystem. Für sensible Salmoniden wie Forelle und Äsche werden solche Niedrigwasserphasen rasch zur existenziellen Belastung. Umso dringlicher war die Frage: Wie reagiert die Chemie des Traunwassers unter diesen erschwerten Bedingungen?

Um genau das herauszufinden, griffen wir zum VISOCOLOR Fish Koffer und machten uns auf den Weg zum Feldtraining an die Lauffener Straßenbrücke und die Goiserer Weißenbachbrücke.
Praxisbeispiel: Zwei Proben an der Oberen Traun
Am 8. September 2026 wurden im Rahmen des Feldtraining an der Oberen Traun zwei Proben gezogen, eine oberhalb der Lauffener Straßenbrücke und eine an der Goiserer Weißenbachbrücke. Beide Stellen liegen an der Oberen Traun, einem Salmonidengewässer mit Bachforelle und Äsche als Leitfischarten.



Was die Werte für die Fische bedeuten
Ammonium (NH4+) selbst ist für Fische kaum gefährlich. Im Wasser steht Ammonium aber im Gleichgewicht mit Ammoniak (NH3), und nur Ammoniak schädigt die Kiemen und das Nervensystem der Fische. Wie viel vom gemessenen Ammonium als Ammoniak vorliegt, hängt fast ausschließlich von zwei Faktoren ab: dem pH-Wert und der Wassertemperatur. Steigt der pH-Wert um eine Einheit, verzehnfacht sich ungefähr der Ammoniak-Anteil am Gesamtammonium.

Für die Umrechnung gilt die gebräuchliche Formel nach Krause: NH3 = 0,94412 × NH4 / (1 + 10 hoch ((0,0925 + 2728,795 / (T + 273,15)) minus pH)). Mit den Werten von Probe 1, also 0,2 mg/l Ammonium, pH 8,5 und 12 °C Wassertemperatur, ergibt das einen Ammoniak-Anteil von etwa 0,012 mg/l.
Einordnung nach den EU-Richtwerten für Salmonidengewässer

Ein Punkteintrag zwischen den beiden Probestellen
Zwischen den beiden Probestellen liegt bei Fluss-Km 110,1 die Einleitung der Kläranlage des RHV Hallstättersee, die die Gemeinden Bad Goisern, Hallstatt, Obertraun und Gosau entwässert. Die Traun fließt von Bad Goisern in Richtung Lauffen und Gmunden, die Flusskilometrierung nimmt dabei ab. Probe 2 bei Fluss-Km 111,2 liegt damit oberhalb der Einleitung, Probe 1 bei Fluss-Km 109,4 unterhalb.

Die Anlage wurde von 22.000 auf 33.000 Einwohnerwerte erweitert, entsprechend den Vorgaben der 1. Abwasseremissionsverordnung für kommunales Abwasser (BGBl. Nr. 210/1996 in der Fassung BGBl. II Nr. 392/2000). Für die Belebung kam dabei das sogenannte Triple-A-Verfahren zum Einsatz, eine von der Tiroler Firma Aquaconsult beziehungsweise dem Verfahrensentwickler Bernhard Wett stammende Technik. Sie belüftet das Vorklärbecken intervallartig, zieht dadurch mehr Kohlenstoff für die Schlammfaulung ab und entlastet so die biologische Stufe. Auf diesem Weg lässt sich mehr Kapazität aus den bestehenden Becken holen, ohne komplett neu zu bauen.
Für eine Anlage dieser Größenklasse schreibt die 1. AEV kommunales Abwasser einen Ammonium-Grenzwert von 10 mg/l NH4-N im Ablauf des biologischen Reaktors vor, gültig ab einer Abwassertemperatur von 12 °C. Der österreichische Kläranlagen-Leistungsvergleich zeigt, dass gut geführte Anlagen diesen Wert im Schnitt weit unterschreiten, mit Ablaufwerten von rund 1 bis 2 mg/l NH4-N. Das an Probe 1 gemessene Ammonium liegt, umgerechnet auf Stickstoff rund 0,16 mg/l NH4-N, noch einmal deutlich darunter. Von einer überlasteten oder mangelhaft arbeitenden Kläranlage lässt sich daraus nicht ableiten, im Gegenteil, die Anlage scheint ihre Aufgabe technisch gut zu erfüllen.
Der Unterschied zwischen den beiden Proben lässt sich dennoch am ehesten mit dieser Einleitung erklären, weil Probe 2 oberhalb praktisch unbelastetes Wasser mit 0,0 mg/l Ammonium zeigt. Das zeigt vor allem eines: Selbst ein technisch guter, gesetzeskonformer Anlagenbetrieb kann im Fluss noch spürbar sein, weil die für Salmoniden kritische Ammoniak-Schwelle um Größenordnungen niedriger liegt als jeder wasserrechtliche Grenzwert für die Kläranlage selbst. Die im gereinigten Abwasser verbliebenen Nährstoffe können zusätzlich das Algenwachstum unterhalb der Einleitung fördern, was über die Photosynthese den pH-Wert tagsüber weiter anhebt.
Wie stark die Temperatur den Ammoniak-Anteil zusätzlich beeinflusst, zeigt ein Vergleich: Bei gleichem Ammoniumwert von 0,2 mg/l und gleichem pH-Wert von 8,5, aber einer Wassertemperatur von 25 °C statt 12 °C, wie sie im Hochsommer an der Traun durchaus vorkommt, steigt der Ammoniak-Anteil auf rund 0,029 mg/l und liegt damit bereits über dem EU-Grenzwert für Salmonidengewässer. Derselbe Messwert, der im September unbedenklich ist, kann im Hochsommer kritisch werden.
Probe 2 an der Goiserer Weißenbachbrücke zeigt mit 0,0 mg/l Ammonium keinerlei Risiko, unabhängig vom pH-Wert. Das passt zur Lage oberhalb der Kläranlage und bestätigt, dass die Traun dort ankommt, ohne durch die Einleitung belastet zu sein.
Doppelbelastung durch die Kläranlage
Ohne moderne Kläranlagen ist ein sauberer Fluss wie die Obere Traun heute undenkbar – doch „sauber“ bedeutet nicht rückstandslos. Selbst nach jüngsten Modernisierungen belasten unsichtbare Schadstoffe das Ökosystem durch einen gefährlichen Dominoeffekt: Der verbleibende Restanteil an Ammonium trifft im Fluss auf eingeleitete Nährstoffe wie Phosphat. Diese kurbeln das Algenwachstum an, wodurch der pH-Wert des Wassers tagsüber massiv ansteigt – und genau dieser hohe pH-Wert verwandelt das an sich schon problematische Ammonium erst in hochgradig fischgiftiges Ammoniak. Beide Belastungspfade wirken also nicht nur nebeneinander, sondern verstärken sich gegenseitig wie ein Brandbeschleuniger.
Rechnet man die noch völlig ungefilterten Medikamenten- und Hormonrückstände hinzu, wird klar, warum der Gesetzgeber hier dringend mit strengeren Grenzwerten und einer vierten Reinigungsstufe nachschärfen muss. Sauberes Wasser und der Schutz unserer Natur dürfen keine Frage des Geldes sein; diese Investition muss es jedem einzelnen Haushalt über die Kanalgebühren wert sein.

Heuer kommt noch ein dritter Faktor hinzu, der diesen Effekt zusätzlich verschärft: die anhaltende Trockenheit. Die aktuellen Pegel an der Traun liegen an der Grenze zum extremen Niederwasser. Bei geringer Wasserführung steht weniger Wasser zur Verdünnung der Einleitung zur Verfügung, während die Kläranlage weiterhin annähernd die gleiche Fracht an Ammonium und Nährstoffen abgibt. Bei Niedrigwasser steigen die Konzentrationen von Kläranlagen-Einträgen im Fluss an, während gleichzeitig höhere Wassertemperaturen den Sauerstoffgehalt schwanken lassen und die Selbstreinigungskraft des Gewässers einschränken. Was hier zu beobachten bleibt, gilt für die Traun im heurigen Jahr in gleicher Weise:
Geringer Abfluss, hohe Wassertemperatur und eine konstant einleitende Kläranlage ergeben in Summe eine deutlich höhere Belastung für den Fischlebensraum als in einem Jahr mit normaler Wasserführung.
Fazit für die Praxis
- Probe 1 bei Lauffen zeigt einen Ammoniak-Wert über dem Richtwert, aber unter dem Grenzwert für Salmonidengewässer. Beobachten, nicht alarmieren.
- Der Unterschied zu Probe 2 lässt sich am ehesten mit der dazwischenliegenden Kläranlagen-Einleitung bei Fluss-Km 110,1 erklären, nicht allein mit einem Tagesgang. Das ist kein Hinweis auf einen Anlagenmangel, die Kläranlage hält den gesetzlichen Ammonium-Grenzwert von 10 mg/l deutlich ein.
- Im Hochsommer wird derselbe Ammoniumwert bei höherer Temperatur schnell kritisch, eine Wiederholung der Messung bei Hitze ist sinnvoll.
- Der VISOCOLOR Fish Koffer liefert alle nötigen Werte für diese Einschätzung direkt vor Ort, ohne Labor und ohne Photometer.

- Die Nährstoffe im Kläranlagen-Ablauf fördern zusätzlich das Algenwachstum, das über die Photosynthese den pH-Wert weiter anhebt, eine Doppelbelastung aus Ammonium und pH-Effekt.
- Das heurige Niederwasser verschärft die Situation, weil die Verdünnung der Einleitung fehlt, eine engmaschigere Kontrolle ist sinnvoll.
- Für Badende zählt nicht das Ammonium, sondern die Keimbelastung mit E. coli und Enterokokken. Direkt unterhalb der Einleitung und nach Regen ist bei diesem Niederwasser Vorsicht angebracht, ein amtlicher Badeplatz mit laufender Kontrolle besteht an diesem Flussabschnitt nicht.
Der „Fischarzt“ Österreichs
Dr. Heinz Heistinger gilt als einer der prägendsten Spezialisten für aquatische Veterinärmedizin und Gewässerschutz in Österreich. Sein Heimatfluss ist die Traisen.

Meilensteine & Wirken
- Pionier der Fischmedizin: Seine Arbeit im Bereich der systematischen Fischgesundheit begann 1998. Daraus entstand im Jahr 2000 der offizielle Fischgesundheitsdienst im Niederösterreichischen Tiergesundheitsdienst (NÖTGD).
- Praktischer Einsatz & Betreuung: Mittlerweile vertrauen mehr als 100 Fischzuchtbetriebe in ganz Österreich auf seine Fachexpertise. Sein Fokus liegt dabei auf dem Schutz vor Seuchen, dem Erhalt gesunder Mutterfische und dem ökologischen Gleichgewicht – von Edelfischen bis hin zu heimischen Kleinfischarten.
- Führung im Gewässerschutz: Seit 2024 ist Dr. Heistinger Präsident des ÖKF FishLife (Kuratorium für Fischerei und Gewässerschutz). Gemeinsam mit Geschäftsführerin Sonja Behr setzt er sich intensiv für den Lebensraumerhalt und das Bewusstsein für heimische Wassertiere ein.
- Auszeichnung: Für sein akademisches und praktisches Engagement in der Lehre wurde er von der Veterinärmedizinischen Universität Wien (VetmedVienna) als „Universitätsinstruktor des Jahres“ ausgezeichnet.
Quellen
Freie und Hansestadt Hamburg, Umweltbehörde: Stickstoff in Gewässern, Richt- und Grenzwerte nach EU-Fischgewässerrichtlinie 78/659/EWG und VO Fisch- und Muschelgewässer 1997.
https://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/2009/2358/pdf/stickstoff.pdf
Gewässerwart-Blog: Richt- und Grenzwerte für die Wasseranalyse, Tabelle Salmonidengewässer nach EU-Richtlinie. https://gewässerwart.de/richt-und-grenzwerte-fuer-die-wasseranalyse/
DRAK Ratgeber: Ammonium-/Ammoniak-Verhältnis in Abhängigkeit vom pH-Wert, Umrechnungsformel nach Krause. https://www.drak.de/ratgeber/glossar/nh4-nh3-verhaeltnis
Macherey-Nagel: VISOCOLOR Fish Analysenkoffer, Produktinformation 933101 / 5700395.
https://www.mn-net.com/de/visocolor-fish-analysenkoffer-933101
RHV Hallstättersee: Kläranlage Bad Goisern, Ausbaugröße und Reinigungsstufen.
https://www.rhv.at/klaeranlage.html
Aquaconsult: Triple-A-Verfahren, alternierende Belüftung im Vorklärbecken nach Bernhard Wett. https://www.aquaconsult.at/presse/triple-die-revolution-im-vorklaerbecken
ÖWAV: Kläranlagen-Leistungsvergleich Betriebsjahr 2017, Ammonium-Ablaufwerte österreichischer Kläranlagen. https://www.oewav.at
Hessisches Landesamt für Naturschutz, Umwelt und Geologie: Niedrigwasser erhöht die Schadstoffkonzentrationen in den Fließgewässern, Pressemitteilung 31.8.2026. https://www.presseportal.de/pm/128799/6342394
Umweltbundesamt: Nährstoffe in Fließgewässern und Eutrophierung. https://www.umweltbundesamt.de/themen/wasser/fluesse/zustand/naehrstoffe
Land Oberösterreich: Bewertung und Einstufung der Badegewässer nach EU-Richtlinie 2006/7/EG.
https://www.land-oberoesterreich.gv.at/13068.htm
Land Oberösterreich: EU-Badestellen in Oberösterreich, aktuelle Ergebnisse Hallstättersee.
https://www.land-oberoesterreich.gv.at/260000.htm
Fischereiverein Salzkammergut: Pegelstand Traun, Einstufung Niederwasser.
https://www.fischereiverein-salzkammergut.at/revierbeschreibung/pegelstand-traun/
Weitere Informationen
Das Eigentliche passiert unter der Oberfläche. Am Gewässer wie beim Naturschutz. Auf www.huberpower.com geht es genau dorthin: zur Arbeit am Wasser, zur Forschung dahinter und zu den Projekten, an denen wir gerade arbeiten.
Wenn wir morgen noch fischen wollen, müssen wir heute etwas dafür tun. Zitat: ÖKF Fishlife

