Der Klimawandel steht schon im Wasser

Wenn eine neue Studie im Auftrag der Oberösterreichischen Landesregierung, Direktion Umwelt und Wasserwirtschaft zu dem Schluss kommt, dass der Klimawandel längst keine düstere Zukunftsvision mehr ist, sondern messbare Realität, dann sollten wir genau hinhören. Das Welser Büro blattfisch hat die nackten Zahlen geliefert, und ich habe mir das Datenmaterial für den Bereich der Oberen Traun genauer angesehen. Das Betörende und gleichzeitig Erschreckende daran: Vier der untersuchten Pegel liegen direkt in unserem Revier oder unmittelbar an dessen Rand – drei an der Traun, einer an der Ischl. Ich habe die Entwicklungen für unsere eigenen Gewässer analysiert, und das Ergebnis ist so eindeutig wie unbequem. Für uns Fischer und Naturschützer brechen Zeiten an, in denen wir die Augen nicht mehr verschließen können.

Was die neue Landesstudie über Traun und Ischl sagt

Jeder der vier Pegel wird wärmer, und jeder wird schneller wärmer als der Durchschnitt seiner Bioregion. Die Kalkvoralpen und Nördlichen Kalkhochalpen erwärmen sich im Landesschnitt um 0,036 Grad pro Jahr. Unsere Traun und die Ischl liegen darüber.

Vier Pegel, ein Trend

Traun Steeg liegt am Ausrinn des Hallstätter Sees, Traun Ebensee kurz vor dem Traunsee. Dazwischen die freie Fließstrecke, die uns am meisten angeht. Obertraun steht am oberen Ende, dort wo das Wasser noch am kältesten sein sollte. Auch dort steigt die Kurve.

Die Ischl reißt die 25-Grad-Marke

Ein Wert sticht heraus. Bei Bad Ischl an der Giselabrücke kletterte das Tagesmaximum im Hitzesommer 2018 an 25 Tagen über 25 Grad. 2019, 2022 und 2023 kamen weitere solche Tage dazu. 25 Grad ist keine beliebige Zahl. Das ist die Grenze, oberhalb der Bachforelle und Äsche nur noch kurz überleben. Beide sind in dieser Strecke keine Randerscheinung, sondern die Leitarten.

An den drei Traun-Pegeln wurde diese Grenze bisher nicht erreicht. Der See davor puffert, die Schneeschmelze kühlt, die Beschattung hilft. Noch. Die Ischl zeigt, wohin die Reise geht, wenn diese Bremsen wegfallen.

Ein Pegel fehlt, und das ist schade

Genau in Bad Ischl liegt ein Pegel, den viele von uns täglich im Auge haben: die Maxquelle. In der Landesstudie taucht er nicht auf. Das Land wollte ihn nicht in der Auswertung, der Pegel an der Giselabrücke und die Traun-Stellen ober- und unterhalb haben gereicht. Das muss man so hinnehmen. Schade ist es trotzdem, denn gerade die Maxquelle sitzt mitten in unserem Revier und hätte das Bild in Bad Ischl vervollständigt.

Was den Unterschied macht: Schatten Die Studie nennt eine Stellschraube, die uns direkt betrifft: die Beschattung durch Ufergehölz. Ein dichter Ufersaum schluckt je nach Höhe und Breite bis zu 95 Prozent der Sonnenstrahlung. Er senkt die Spitzentemperatur am Nachmittag und dämpft die Schwankung über Tag und Jahr. Empfohlen wird ein Beschattungsgrad von mindestens 80 Prozent der Wasserfläche. In den größeren Gewässern erreichen wir das selten.

Für breite Strecken wie die untere Traun bringt ein Uferstreifen von mindestens 10 Metern aus standorttypischen Gehölzen am meisten, möglichst beidseitig und über lange Strecken. Wo das nicht geht, hilft schon, gezielt das Süd- und das Westufer zu bestocken. Dort steht die Sonne am späten Nachmittag, wenn das Wasser am heißesten wird. An kleinen Zubringern reichen oft schon Hochstaudenfluren, die erst ab September gemäht werden.

Dazu kommt die Struktur im Bach selbst. Eine gut ausgebildete Niederwasserrinne hält auch bei wenig Wasser genug Tiefe und Strömung, damit sich das Wasser nicht so stark aufheizt. Totholz kühlt besser als Steinverbau. Und jedes Querbauwerk, das keiner mehr braucht, gehört weg. Ein Stau verlängert die Verweilzeit, vergrößert die Wasserfläche und heizt das Wasser zusätzlich auf. Gerade wenn die Fische mit der Wärme flussauf ausweichen wollen, dürfen ihnen keine Wehre den Weg verstellen.

Warum das für uns zählt

Die Studie rechnet vor, dass sich die Fischregionen bergauf verschieben. Rechnerisch wandern die thermischen Zonen in den Kalkalpen um rund 90 Höhenmeter nach oben.

Für die Äsche und die Bachforelle heißt das: Ihr kühler Lebensraum schrumpft von unten her. Was wir an unseren Gewässern tun, entscheidet mit, wie schnell das geht. Die Erwärmung selbst stoppen wir vor Ort nicht. Ihre Wucht abfedern schon, mit Schatten, Totholz-Strukturen und Sauerstoff anreichernden Rauschen und der Erhaltungen von Tiefenrinnen und Pools.

Bis 2050 rechnet die Studie mit einer weiteren Erwärmung um gut ein Grad, und sie weist selbst darauf hin, dass diese lineare Rechnung eher zu vorsichtig ist. Die Prognosen der Vorgängerstudien wurden jedes Mal früher erreicht als gedacht. Wer an der Traun oder der Ischl Verantwortung trägt, sollte danach handeln.

Zur Studie

Paul Arminger und Clemens Gumpinger (blattfisch e.U.): Langzeitentwicklung der Wassertemperaturen oberösterreichischer Fließgewässer im Kontext des Klimawandels. Trends, Ursachen und ökologische Folgen. Im Auftrag des Amtes der OÖ. Landesregierung, Abteilung Wasserwirtschaft. Wels, Februar 2026.

Kelvin (K) vs. Grad Celsius (°C)

Ein Kelvin (K) entspricht als Temperaturdifferenz exakt einem Grad Celsius (°C). Wenn das Büro blattfisch in der Studie von einer Erwärmung um 0,003 bis 0,11K/pro Jahr spricht, lässt sich dies 1:1 in Grad Celsius übersetzen. In der Wissenschaft wird Kelvin immer dann verwendet, wenn man über Unterschiede (Distanzen) zwischen zwei Temperaturen spricht. Auf den ersten Blick klingen diese Zahlen winzig. Warum sie für die Obere Traun und die Ischl trotzdem ein massives Alarmsignal sind, zeigt ein Blick auf die Hochrechnung:

Wenn wir den oberen und unteren Wert dieser Spanne auf einen längeren Zeitraum hochrechnen, wird die Dimension schnell klar:

Erwärmung pro Jahr (in K / °C)Nach 10 JahrenNach 30 Jahren
0,003 °C (Mindestwert)+ 0,03 °C+ 0,09 °C
0,110 °C (Höchstwert)+ 1,10 °C+ 3,30 °C

Warum ist das für unsere Gewässer „unbequem“?

Während der Mindestwert von 0,03 °C in zehn Jahren kaum messbar ist, ist der Höchstwert von 0,11K pro Jahr eine ökologische Vollkatastrophe im Zeitraffer.

  • Der 30-Jahre-Effekt: Steigt die Temperatur an einem Pegel tatsächlich um 0,11 °C pro Jahr, ist das Wasser in drei Jahrzehnten im Schnitt um über 3 Grad wärmer.
  • Die fatale Kettenreaktion: Für Salmoniden (Forellen und Äschen) in der Traun und Ischl ist das existenzbedrohend. Höhere Wassertemperaturen bedeuten automatisch weniger Sauerstoff im Wasser, während gleichzeitig der Stoffwechsel der Fische steigt, dann brauchen sie also mehr Sauerstoff.
  • Die kritische Grenze: Ab ca. 20 °C kommen Bachforellen und Äschen in massiven Dauerstress, ab 22 bis 24 °C wird es für sie tödlich. Wenn sich das Gewässer ohnehin schon im Sommer dieser Marke nähert, frisst jedes Zehntelgrad Erwärmung pro Jahr die Überlebenschancen der Fische rasant auf.

Die Spanne zeigt also: Während sich manche Abschnitte nur minimal verändern, driften andere Pegel im Eiltempo in eine Temperaturzone, die für ein klassisches Äschen- und Forellenrevier schlicht nicht mehr bewohnbar ist.

Einfluss vom Gletscherschwund

Wenn wir von der Traun im Salzkammergut reden, reden wir im Oberlauf maßgeblich vom Dachsteingletscher. Der schmilzt nicht irgendwann in ferner Zukunft – er befindet sich im Endstadium. Für ein Fließgewässer wie die Obere Traun hat das einen brutalen Doppeleffekt, der die Temperaturkrise massiv verschärft.

Der Dachsteingletscher funktioniert für die Traun wie eine gigantische Klimaanlage. Schmelzwasser hat konstant Temperaturen nahe dem Gefrierpunkt. Dieses eiskalte Wasser speist die Quellbäche und sorgt im Oberlauf dafür, dass die Wassertemperatur selbst an heißen Hochsommertagen stabil und fischfreundlich bleibt. Wenn der Gletscher weg ist, fehlt dieses natürliche Kühlwasser komplett.

Weniger Wasser = Schnellere Erwärmung

Wenn Millionen Liter Abfluss pro Jahr verloren gehen, führt die Traun im Sommer deutlich weniger Wasser (Niedrigwasser). Physikalischer Fakt: Eine geringere Wassermenge hat eine viel kleinere thermische Trägheit. Das bedeutet: Dieselbe Sonneneinstrahlung heizt ein seichtes, langsam fließendes Gewässer dramatisch schneller auf als einen tiefen, reißenden Fluss. Die in der Studie schon prognostizierte Erwärmung pro Jahr wird sich durch den Wassermangel in den kritischen Sommermonaten also noch einmal massiv beschleunigen. Ein gletschergespeister Fluss hat im Sommer (während der Hauptschmelzperiode) oft eine vitale Eigendynamik. Fällt diese weg, verwandelt sich die Traun in ein rein regen- und grundwassergespeistes Gewässer. Bleibt im Sommer der Regen aus, bricht der Durchfluss ein.

Für unser Revier an der Traun und Ischl bedeutet das im Klartext: Die Pegeldaten der blattfisch-Studie zeigen ohnehin schon einen besorgniserregenden Trend. Wenn man aber den dramatischen Rückgang des Dachsteingletschers und den damit einhergehenden Verlust des kühlenden Basisabflusses dazurechnet, blickt man nicht mehr nur auf eine Erwärmung – man blickt auf ein potenzielles Austrocknen und Überhitzen der Kinderstuben unserer Salmoniden in den Sommermonaten.

Der blinde Fleck der Modelle: Gletscher-Schwund

Doch so aufrüttelnd die Zahlen des Büros blattfisch auch sind – sie bilden höchstwahrscheinlich nur die halbe Wahrheit ab. Die Berechnungen haben einen gravierenden blinden Fleck: Sie vernachlässigen den unaufhaltsamen Rückgang und das drohende Verschwinden unserer Gletscher. Für die Obere Traun ist der Dachsteingletscher kein fernes Postkartenmotiv, sondern das lebenswichtige Kühlaggregat unseres gesamten Flusssystems. Jedes Jahr gehen durch die Gletscherschmelze Millionen Liter an eiskaltem Abfluss unwiederbringlich verloren.

Das Badewannen-Prinzip

Fällt dieses natürliche Schmelzwasser im Hochsommer weg, trifft uns ein brutaler Doppeleffekt: Zum einen fehlt der Traun die kontinuierliche Zufuhr von eiskaltem Wasser nahe dem Gefrierpunkt. Zum anderen führt der enorme Wasserverlust zu immer extremerem Niedrigwasser im Sommer. Nach dem einfachen Prinzip einer Badewanne heizt sich eine geringere Wassermenge unter der Sommersonne dramatisch schneller auf als ein tiefes, wasserreiches Gewässer. Wenn man diesen massiven Verlust des kühlenden Basisabflusses dazurechnet, könnten sich die prognostizierten Erwärmungsraten in den kritischen Monaten noch einmal drastisch beschleunigen. Für die Forellen und Äschen in der Traun und der Ischl bedeutet das: Das Wasser wird nicht nur wärmer – es geht ihnen schlichtweg die Lebensbasis aus.

Wasser Verlust p.a.

Im Durchschnitt der letzten zwei Jahrzehnte verlor allein der Hallstätter Gletscher der größte der Dachsteingletscher und Hauptspeiser der Traun, rund 2,5 bis 3,2 Millionen Kubikmeter Wasser pro Jahr. Da 1 m3 = 1.000 Litern entspricht, bedeutet das:

Der Gletscher verliert pro Jahr im Schnitt zwischen 2,5 und 3,2 Milliarden Liter Wasser.

Literatur

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Weitere Informationen

Das Eigentliche passiert unter der Oberfläche. Am Gewässer wie beim Naturschutz. Auf www.huberpower.com geht es genau dorthin: zur Arbeit am Wasser, zur Forschung dahinter und zu den Projekten, an denen wir gerade arbeiten.

Heimo bei der Arbeit
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„Wer den Fischen eine Stimme gibt, gibt unseren Gewässern eine Zukunft.“

Zitat von: Heimo Huber, Obmann FROSKG