Weiße Blüten am Hollereck

95 Kormorane, ein Winter, 7,6 Tonnen Fisch – Mitte Oktober am Traunsee. Vom Boot aus sieht das Westufer beim Hollereck aus, als hätten die Weiden ein zweites Mal geblüht. Es ist jedoch Kormoranlosung.

Am 15. Oktober 2026 haben mich zwei Koppelrechtsinhaber vom Traunsee zu einer Bootsfahrt eingeladen. Ziel war der Kormoran-Schlafplatz am Hollereck. Das Hollereck liegt am Westufer im Gemeindegebiet von Altmünster, zwischen Igelbichl und Im Hof, genau gegenüber vom Traunstein. Ein dichter Gürtel aus Weiden und Laubbäumen, davor Schilf. Vom Land her sieht man kaum etwas. Vom Wasser aus alles.

Im unteren Teil des Traunsee, entlang von Altmünster, befindet sich das Naturschutzgebiet Hollereck am Traunsee. Quelle: Doris

Donnerstag 15. Oktober 2026 – Gezählt haben wir 95 Kormorane.

Gezählt haben wir 95 Kormorane. Die Vögel waren erst in den Tagen davor angekommen. Wintergäste, die bis ins Frühjahr bleiben.

Kormoran-Schlafplatz Hollereck am 15.10.2026. Die Vögel sitzen in den Kronen, links fliegen weitere ein. Foto: Heimo Huber

Das Weiße auf den Weiden ist Losung. Ganze Büsche sind davon überzogen, die Blätter darunter kaum noch grün. Dafür haben wenige Tage gereicht. Bleibt ein Schlafplatz über Jahre besetzt, sterben die Bäume darunter ab.

Keine Blüten: Das Weiße ist Kormoranlosung.
Weidenblätter, mit Losung überzogen.

7,6 Tonnen Fische in einen Winter

Über den Sommer bleiben nur 10 bis 20 Kormorane am Traunsee, meist sitzen sie auf einer Plattform vor Gmunden. Der große Rest kommt im Oktober und bleibt rund sechs Monate. Außerhalb der Brutzeit frisst ein Kormoran im Schnitt rund 440 Gramm Fisch am Tag (Ridgway 2010). Für die 95 Vögel vom Hollereck heißt das im Minimum:

95 KormoraneFisch
pro Tag42 kg
pro Monat1,3 Tonnen
ein Winter (182 Tage)7,6 Tonnen
in Stück bei 440 g pro Fisch17.300 Fische
Eine Hochrechnung auf Basis der vorsichtig bemessenen Fachliteratur – die lediglich von 440 g Tagesbedarf pro Vogel ausgeht – ergibt für eine Überwinterung von 182 Tagen bereits einen Verlust von 6,9 bis 8,6 Tonnen Wildfisch. Auswertungen verendeter und geschossener Tiere zeigen jedoch, dass der tatsächliche tägliche Entnahmebedarf real bei 0,8 bis 1,0 kg pro Vogel liegt. Die ohnehin alarmierenden Tonnenwerte der Standardliteratur markieren somit lediglich die absolute Untergrenze dessen, was wir den Prädatoren in unseren Gewässern überlassen.

Im Traunsee schwimmen bei 24 kg pro Hektar noch rund 62 Tonnen Fisch. Die 95 Wintergäste von einem einzigen Schlafplatz fressen davon etwa ein Achtel. Die Rechnung ist grob, weil die Hydroakustik vor allem das Freiwasser misst. Die Größenordnung stimmt trotzdem.

Das Hollereck ist nicht der einzige Schlafplatz am See. Traunseefischer rechnen mit rund 36 Tonnen Fisch, die Prädatoren dem See jedes Jahr entnehmen.

Jeder Kormoran, der dazukommt, kostet den See rund 80 Kilo Wild-Fisch pro Winter.

Verschiedene Fischarten, wie der einstige Laichzug Aalrute, die im Winter in die Traun zum Laichen hinauf gibt es nicht mehr. Die einstigen Fischbestände mit über 200 Kg/ha sind auf zehntel eingebrochen. Es gibt nur noch Restexemplare die den erhalt der Bestände nicht mehr sichern können. Es braucht dringend eine Lösung.

Historische Laichzüge – wie jener der Aalrutte, die im Winter zum Ablaichen flussaufwärts in die Traun zog – gehören endgültig der Vergangenheit an. Wo einst prächtige Fischbestände von über 250 kg/ha gemessen wurden, zeigen aktuelle Untersuchungen ein dramatisches Bild: Der Bestand ist auf ein Zehntel – stellenweise sogar auf unter 10 % des historischen Niveaus – kollabiert. Was bleibt, sind isolierte Restvorkommen, die aus eigener Kraft nicht mehr reproduktionsfähig sind. Um das endgültige Aussterben heimischer Arten im Flusssystem zu verhindern, braucht es unverzüglich ein entschlossenes Gewässermanagement und wirksame Maßnahmen.

Aalruten Laichzug an der Oberen Traun, oberhalb von Bad Ischl.

Es gab eine Zeit, da kündigte der erste eisige Nordwind im Spätherbst eine gewaltige Verwandlung im Flusssystem der Traun an. Wenn der Winter das Land in Stille hüllte und das Wasser kristallklar und eisig wurde, erwachten die Aalrutten aus ihrer Sommerstarre. Getrieben von einem Jahrtausende alten Instinkt zogen sie tief aus den Seen flussaufwärts, um auf den strömungsreichen Kiesbänken der Traun abzulaichen. Ein beeindruckendes Naturschauspiel, das generationenlang das ökologische Herz des Flusses widerspiegelte.

Doch dieses Kapitel der Naturgeschichte droht endgültig zuzuklappen. Wo die Aalruten einst ihre Laichplätze aufsuchten, treffen wir heute auf leer Schotterbänke. Die einstiegen Laichgesellschaften im glasklaren Wasser waren den Kormoranen völlig schutzlos ausgeliefert. Auf den hellen, freiliegenden Schotterbänken wirken die dunklen Leiber der Rutten wie auf einem Tablett serviert – ein angerichtetes Büffet für Prädatoren aus der Luft. Was einst als geschütztes Ritual zur Fortpflanzung diente, wurde durch einseitigen Schutz der Kormorane zur tödlichen Falle. Ohne einen massiven Reduktion der Kormorane im Salzkammergut bleiben von einer einst prächtigen Fischpopulation nur verstreute Restexemplare – stumme Zeugen eines Laichzugs, der im Eis des Winters leise zu Ende geht.

Wenn wir nicht unverzüglich zu einem sachlichen und wirksamen Managementplan für den Kormoran im Salzkammergut gelangen, stehen die nächsten heimischen Fischarten unweigerlich vor dem ökologischen Kollaps. Es ist eine Bitterkeit ohnegleichen: Während Jahrtausende alte Wildfischbestände aus unseren Flüssen verschwinden, überlassen wir das Gewässersystem schutzlos einem Prädator, der in den alpinen Täler des Salzkammerguts historisch nie heimisch war. Ohne rasches, entschlossenes Handeln und eine Regulierung, die den Namen Naturschutz verdient, schauen wir dem schleichenden Aussterben unserer Traun-Fische tatenlos zu.

Weitere Informationen

Das Eigentliche passiert unter der Oberfläche. Am Gewässer wie beim Naturschutz. Auf www.huberpower.com geht es genau dorthin: zur Arbeit am Wasser, zur Forschung dahinter und zu den Projekten, an denen wir gerade arbeiten.

Ein Bericht von Dr. Wolfgang Pils, vom 14. Februar 1994 an das Fischereirevier Oberes Salzkammergut. Auf der Suche nach alten Wasserrechtsbescheiden bin ich auf diesen Bericht vom seinerzeitigen Präsidenten der „Freunde der Gmundner Traun“ und unseren Freund und Mitglied von „Fliegenfischer Weidgerecht“ gestoßen. Im Rückblick zu diesen Bericht und aus aktuellen Anlass, da aktuell die „Kormoran-Verordnung“ der OÖ. Landeregierung zur Verlängerung ansteht, sei ein Rückblick und ein aktueller Status erlaubt.
Wie soll auch in Zukunft eine attraktive Fischerei im Salzkammergut möglich sein? Anstoß dafür gibt das Bedürfnis nach einheimischem Fisch in der Gastronomie und im Tourismus. Der Produktivität der Gewässer sind natürliche Grenzen gesetzt – umso grösser ist die Bedeutung der Aquakultur. Vom „Fischereimanagement Salzkammergut“ (FMSKG) begrüßen wir diese Entwicklungen, setzt dabei jedoch klare Grenzen zwischen Speisefisch Produktion und der von uns betriebenen „Wildkultur-Fisch-Entwicklung„. Eine zukunftsfähige und attraktive Fischerei im Salzkammergut erfordert ein klares Doppelgleis: Die Deckung des gastronomischen Bedarfs durch geschlossene Aquakulturen auf der einen Seite und den kompromisslosen Schutz der wilden, autochthonen Fischbestände auf der anderen.
Dass die Aalrute (Lota lota, auch Quappe genannt) und die Äsche (Thymallus thymallus) in der Roten Liste gefährdeter Arten in Österreich (und Mitteleuropa) als „VU – Vulnerable“ (Gefährdet) eingestuft sind, trifft die Gewässerbewirtschafter und Fischereireviere im Salzkammergut an einem extrem empfindlichen Nerv. Beide Arten sind biologische Prachtstücke unserer alpinen und subalpinen Gewässersysteme – und gleichzeitig die massiven Opfer der Prädatoren und wenn sich Gewässerstruktur und Temperaturgefüge verändern.
Ein Fischereibiologe hat dem Vergessen einen Namen gegeben
Der Begriff dafür kommt nicht von Soziologen, sondern aus unserer eigenen Welt. Der Meeresbiologe Daniel Pauly schrieb 1995 einen kurzen Aufsatz über die Fischerei. Seine Beobachtung: Jede Generation von Fischereiforschern nimmt den Bestand, den sie zu Beginn ihrer Laufbahn vorfindet, als Maßstab. Die nächste Generation startet mit weniger Fisch, akzeptiert auch das als normal, und so geht es weiter. Der lange Niedergang verschwindet aus dem Blick, weil niemand mehr den vollen Ausgangswert kennt. Pauly nannte das Shifting Baseline Syndrome.
Der Vergleich mit Don Quijote trifft es wahrscheinlich mitten ins Schwarze. Als Bewirtschafter sitzt man oft zwischen allen Stühlen, während die Natur und die Bürokratie von verschiedenen Seiten zerren. Es ist frustrierend, wenn man viel Herzblut, Zeit und Geld investiert, nur um dann zuzusehen, wie externe Faktoren die Arbeit zunichtemachen.
 

„Invasive Pflanzen und Tiere und eine Überzahl an Prädatoren gefährden unsere Gewässer

und beeinträchtigen unsere heimischen Fischbestände.“

 

Ausable Freshwater Center