Fliegenfischen in einer Tiroler Hochgebirgsklamm
Es gibt Plätze, die man niemandem zeigt. Nicht aus Geiz, sondern aus Respekt. „Meine“ Klamm in Tirol ist so ein Platz. Auf rund 1.800 Metern, dort wo die Fichten aufgeben und nur mehr Latschen und Grasnarben den Fels halten, hab ich sie heuer wieder besucht.
Der Urlaub in Tirol war eigentlich als Erholung geplant. Wandern, ein paar Touren mit den Hunden, vielleicht ein See mit Blick auf die Dreitausender. Aber wer wie ich seit Jahrzehnten mit der Fliegenrute unterwegs ist, kommt an einer Landkarte mit blauen Linien nicht vorbei. Ich hab mir die Höhenlinien angeschaut, die schmalen Täler gesucht, dort wo die Bäche steil und eng zusammenlaufen. Irgendwo dazwischen hab ich meine Klamm gefunden, ganz ohne fremde Hilfe, ganz ohne Tipp von jemandem.

Der Weg dorthin war schon die halbe Fischerei. Kein Steig, keine Markierung. Nur das Rauschen von unten, dem ich gefolgt bin. Immer wieder Fels, glattgeschliffen von tausenden Jahren Schmelzwasser. Immer wieder ein Griff, der halten muss, ein Tritt, der nicht abrutschen darf. An einer engen Stelle hängen rote Vogelbeeren über dem Wasser, der einzige Farbtupfer in all dem Grau und Grün. Die Wathose ist zu Hause geblieben. Hier oben zählen Bergschuhe mit gutem Profil, keine Membran, kein Komfort. Nass wird man ohnehin, an den Kaskaden, beim Überqueren der Gumpen, beim Rutschen über die glatten Platten.

Irgendwann lichten sich die letzten Fichten. Nur mehr vereinzelt ein verkrüppelter Baum, vom Wind in eine Richtung gebogen. Darüber nur mehr Fels, Latschen und Wolkenfetzen, die tief hängen und immer wieder durch die Schlucht ziehen.

Nach einer guten Stunde die erste Gumpe. Smaragdgrün, so klar, dass man den Grund zählen kann. Zwischen den Steinen ein Schatten, der sich bewegt und dann wieder steht. Ich bin lange stehen geblieben, bevor ich die erste Fliege ausgeworfen habe. In so einer Klamm entscheidet nicht das Können. Es entscheidet die Geduld.
Die Fischerei selbst ist ein anderes Handwerk als unten im Tal. Kein Anwaten, kein weiter Wurf. Man kniet, man schleicht, man wirft aus der Deckung heraus, drei, vier Meter Schnur, mehr braucht es in diesen engen Kesseln nicht. Die Forelle steht meist am Kolkrand, dort wo das Wasser aus der Kaskade einläuft und Sauerstoff und Nahrung mitbringt.

In dieser Klamm hat sich die Regenbogenforelle einen eigenen, selbst erhaltenden Bestand aufgebaut. Sie laicht hier seit Jahren ungestört und hat die Bachforelle inzwischen zur Gänze verdrängt. Erst oberhalb der Baumgrenze, wo das Wasser noch kälter wird und der Lebensraum enger, hält sich ein anderer Fisch, der Bachsaibling. Relikte einer Bewirtschaftung, die ihre Spuren hinterlassen haben. Vor vielen Jahrzehnten wurde im Zuge des Kraftwerksbau mit den Hubschrauber Fische auf über 2.000 Meter Seehöhe ausgesetzt, die dort ihren Lebensraum gefunden haben.

Vielerorts versucht man heute, die Bachforelle mit Besatz zurückzuholen. Ich halte davon in so einem System wenig. Wenn sich ein Fisch über Jahrzehnte selbst reproduziert und mit dem Lebensraum zurechtkommt, sollte man das nicht mit Programmen stören, die am Ende nur Unruhe bringen. Für die Bachforelle gibt es genug andere Täler, wo sie sich von selbst gut entwickelt. Dort gehört die Kraft hin, nicht in eine Wildnis, die sich längst ihr eigenes Gleichgewicht gesucht hat.
Weiter oben, wo die Klamm sich noch enger zusammenzieht und der Fels beinahe über einem zusammenschlägt, hat mich ein erster Saibling überrascht. Ich hätte ihn dort noch nicht erwartet, so weit herunten. Der Bergsaibling findet solche Refugien: kaltes Wasser, wenig Konkurrenz, Ruhe und ich fange sie bis auf 2.200 Meter.

Gefangen hab ich an diesen Tagen nicht viele Fische. Einige verpasste Bisse, bei denen die Forelle schneller war als ich. Jeden hab ich vorsichtig gelandet, kurz bewundert und wieder ins Wasser gleiten lassen. Der letzte Schlag vor der Freiheit ist meist der kräftigste, ein Aufklatschen, ein Schatten, dann ist der Fisch wieder weg im grünen Wasser. In einem Refugium wie diesem will ich nichts mitnehmen außer der Erinnerung. Die Fische, die hier oben überleben, haben es sich verdient, weiter zu leben.

Zwischendurch hab ich einfach nur gesessen. Auf einem Felsblock, die Rute neben mir, das Wasser vor den Füßen. Über der Schlucht ein Streifen Himmel, so schmal, dass man ihn fast übersehen könnte. Der Lärm der Kaskaden wird nach einer Weile zu etwas anderem. Kein Rauschen mehr, sondern eine Art Stille, nur eben eine laute.

Ein Tag in dieser Klamm ist kein Fischertag im gewöhnlichen Sinn. Man legt mehr Meter kletternd zurück als fischend. Man ist öfter nass vom Gischt der Kaskaden als vom eigenen Waten. Und man ist für Stunden völlig allein, ohne Handyempfang, ohne ein Geräusch, das nicht Wasser oder Wind wäre.
Genau das macht den Reiz aus. Unten im Tal ist die Forelle an vielen Stellen an Menschen gewöhnt, hat Schatten und Schritte längst deuten gelernt. Hier oben nicht. Die Fische in dieser Klamm haben vermutlich seit Jahren keinen Menschen gesehen. Jeder Biss fühlt sich an wie eine Premiere, für den Fisch und für mich.

Am späten Nachmittag bin ich wieder abgestiegen, die Knie zittrig, die Schultern verspannt, glücklich. Wo genau diese Klamm liegt, verrate ich nicht. Nicht aus Geheimniskrämerei, sondern weil sich jeder seine eigene suchen soll. Das Suchen gehört dazu, genauso wie das Klettern und das lange Warten vor der ersten Gumpe.

Solche Klammen entstehen nicht über Jahre, sondern über Jahrtausende. Schmelzwasser, das sich Stück für Stück in den Fels frisst, Frost, der ihn sprengt, Hochwasser, das alles wieder umbaut. Was für uns eine wilde Schlucht ist, ist für das Wasser einfach nur der kürzeste Weg nach unten. Man merkt das, wenn man dort klettert. Man ist zu Gast in einem Prozess, der schon lief, bevor es Menschen gab, und der weiterlaufen wird, wenn es keine mehr gibt.

Nächstes Jahr steige ich wieder hinauf. Und ich hoffe, ich finde sie so vor, wie ich sie heuer verlassen habe: jungfräulich, unberührt, ohne eine einzige fremde Fußspur im Moos.
Bis dahin bleibt sie das, was sie für mich schon jetzt ist. Nicht ein Ort auf der Karte, sondern eine Erinnerung an einen Tag, an dem das Klettern genauso wichtig war wie das Fischen, und die Stille genauso viel wert wie jeder Biss.

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„Wer Fische schützt, schützt das Wasser. Wer das Wasser schützt, schützt uns alle.“
Zitat von Heimo Huber, FROSKG

