Die Rote Liste der Fische Österreichs

Eigentlich hätten die offiziellen Daten zum aktuellen Update der Roten Liste der Fische Österreichs längst vorliegen sollen. Da die Veröffentlichung aber noch immer auf sich warten lässt, werfen wir hier vorab einen fundierten, inoffiziellen Blick auf die drängendsten Entwicklungen unserer heimischen Fischbestände. Auf Basis der Präsentationen der Fischereifachtagung Mondsee 2025, der nationalen Rote-Liste-Daten von 2007 sowie den aktuellen internationalen IUCN-Kriterien zeigt sich ein besorgniserregendes Bild: Nicht nur Sorgenkinder wie Äsche oder Aalrute geraten zunehmend unter Druck – selbst einst unverwüstliche Brot- und Leitfische wie die Bachforelle steuern mit den rasanten Lebensraumveränderungen immer schneller auf kritische Gefährdungsstufen zu.

Was eine Rote Liste leistet

Rote Listen sind das wichtigste Instrument, um den Gefährdungszustand von Tier- und Pflanzenarten objektiv und vergleichbar zu erfassen. Sie sind kein rechtliches Schutzinstrument, sondern eine wissenschaftliche Bestandsaufnahme – ein Frühwarnsystem, das aufzeigt, welche Arten still und leise aus unseren Gewässern verschwinden, lange bevor es die Öffentlichkeit bemerkt.

Für die Fische besitzt dieses Instrument besondere Brisanz. Süßwasserfische sind die artenreichste Wirbeltiergruppe der Erde und gleichzeitig empfindliche Indikatoren für den Zustand ganzer Gewässerökosysteme. Wo Fische verschwinden, ist meist das gesamte System aus dem Gleichgewicht. Und nirgendwo sind die Verluste so dramatisch wie im Süßwasser.

Quelle: Rote Liste Fische Österreichs | Fischereifachtagung Mondsee 2025

Der vorliegende Bericht fasst den aktuellen Stand für Österreich zusammen. Grundlage ist die umfassend aktualisierte Rote Liste der Fische Österreichs, die im Oktober 2025 auf der Fischereifachtagung in Mondsee vorgestellt wurde, ergänzt durch die letzte nationale Fassung von 2007 und den internationalen Rahmen der IUCN. Er beleuchtet die Geschichte, die Methodik, die vollständigen Artenlisten nach Status, die wesentlichen Gefährdungsfaktoren sowie besonders markante Gewinner und Verlierer.

Geschichte der Roten Liste der Fische

Rote Liste Fische Österreichs | Fischereifachtagung Mondsee 2025

Die Idee einer standardisierten Gefährdungsbewertung geht auf die Weltnaturschutzunion IUCN zurück, die 1964 die erste globale „Red List“ begründete. Seither wird der Gefährdungsstatus der Arten in regelmäßigen Abständen – idealerweise alle fünf bis zehn Jahre – neu evaluiert. Aus diesem internationalen System leiten sich nationale und regionale Rote Listen ab.

2.1  Die österreichische Entwicklung

Die Geschichte der Roten Liste der Fische Österreichs ist vergleichsweise jung. Die wesentlichen Stationen:

  • 1983 – Hacker: erste Einstufung der Fische im Rahmen der ersten Roten Liste gefährdeter Tiere Österreichs.
  • 1994 – Herzig-Straschil: Aktualisierung nach gut einem Jahrzehnt.
  • 1997 – Spindler et al.: erste umfassende, diskussionsbasierte Einstufung (später durch Schmutz et al. 2000 geringfügig modifiziert).
  • 2007 – Wolfram & Mikschi: die bis dahin maßgebliche nationale Fassung mit 84 Taxa, erstmals nach dem transparenten Bewertungsschlüssel von Zulka & Eder.
  • 2025 – Ratschan, Jung, Friedrich et al.: die jüngste, datenreichste Aktualisierung, vorgestellt in Mondsee.

Parallel dazu sind die Bundesländer aktiv geworden: Niederösterreich (1996), Steiermark (2006 und 2021), Burgenland (2022) und Kärnten (2023) verfügen über eigene Rote Listen; für Oberösterreich ist eine eigene Fassung für 2026 in Vorbereitung.

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Vom Expertenurteil zum transparenten System

Lange beruhten Einstufungen allein auf dem Erfahrungswissen einzelner Bearbeiter. So zutreffend dieses oft war – für Anwender war es kaum nachvollziehbar. Mit der Vorgabe der IUCN, jeder Einstufung ein transparentes, reproduzierbares Bewertungssystem zugrunde zu legen, wurde die Rote Liste von der Expertenmeinung zur überprüfbaren wissenschaftlichen Aussage. Genau dieser Anspruch prägt die Fassung 2025.

Methodik und die IUCN-Kategorien

Die Bewertung 2025 folgt dem etablierten Schlüssel nach Zulka & Eder (2007), wie schon die nationale Liste 2007. Die Datenbasis ist allerdings ungleich breiter: Es wurden alle verfügbaren Quellen bis 2024 eingearbeitet – insgesamt rund 98.700 Fundpunkte, verdichtet auf 1.923 Rasterquadranten. Berücksichtigt wurden alle aktuell oder historisch in Österreich reproduzierenden Arten, 97 von 128 nachgewiesenen Taxa (inklusive reproduzierender Neozoa).

Die Gefährdungskategorien

Tab. 1: Die IUCN-Gefährdungskategorien. Die Stufen CR, EN und VU gelten als „gefährdet“ im engeren Sinn.

Die Bewertungsindikatoren

In die Einstufung fließen mehrere Indikatoren ein, die zu einem Gefährdungsindex zusammengeführt werden:

  • Bestandssituation – aus Rasterfrequenz (Zahl besetzter Quadranten) und geschätzter Populationsgröße.
  • Bestandsentwicklung – Trend von Rasterfrequenz und Populationsgröße.
  • Arealentwicklung – die langfristige Veränderung des Verbreitungsgebiets.
  • Habitat Entwicklung – nachjustierend berücksichtigt, vor allem mit Blick auf den Klimawandel.

Neu ist die systematische Gegenüberstellung „alt“ (bis 2007) gegen „neu“ (2008–2025). Damit lässt sich erstmals sauber unterscheiden, ob eine veränderte Einstufung auf eine tatsächliche Bestandsänderung oder lediglich auf eine bessere Datenlage zurückgeht – eine Unterscheidung, die für die Interpretation der Gesamtbilanz entscheidend ist.

Die Gesamtbilanz 2007 → 2025

Auf den ersten Blick wirkt die Bilanz beruhigend: 17 Taxa wurden besser eingestuft, 17 schlechter, 36 blieben unverändert. Viel Bewegung also, aber unterm Strich scheinbar ein Gleichgewicht.

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Die Gefährdungskategorien

Tab. 1: Die IUCN-Gefährdungskategorien. Die Stufen CR, EN und VU gelten als „gefährdet“ im engeren Sinn.

Dieser erste Eindruck täuscht jedoch. Die Forscher betonen ausdrücklich: Verbesserungen gehen überwiegend auf eine bessere Datenlage zurück – die Tiere wurden nur besser erfasst, nicht zahlreicher. Verschlechterungen dagegen spiegeln meist reale Bestandseinbrüche wider. Bereinigt man die Bilanz um diesen Effekt, kippt das Bild ins Negative.

Abb. 2: Bereinigte Bilanz – nur die real begründeten Veränderungen. Das vermeintliche Gleichgewicht weicht einer ungünstigen Tendenz.

Verschlechterung um gleich zwei Kategorien: Gangfisch (Coregonus macrophthalmus, jetzt VU), Blaufelchen (C. wartmanni, jetzt VU), Sichling (Pelecus cultratus, jetzt EN) und Seesaibling (Salvelinus umbla, jetzt VU) – darunter mehrere Coregonen und Salmoniden der Voralpenseen.

Verbesserung um zwei Kategorien: Lediglich der Wolgazander (Sander volgensis, jetzt NT) – ein Tieflandfisch, dessen Ausbreitung wahrscheinlich durch Klimawandel und Staustufenbau begünstigt wird.

Die Arten nach Gefährdungsstatus

Die folgenden Tabellen führen alle bewerteten Taxa der Roten Liste 2025 auf, gegliedert nach Kategorie, jeweils mit dem Status von 2007 und der Art der Veränderung. Die Farbcodierung folgt dieser Legende:

↓ reale Verschlechterung↑ Verbesserung / bessere Datenlage= unverändert · neu = Neueinstufung

Ausgestorben, vom Aussterben bedroht und stark gefährdet (EX · RE · CR · EN)

Tab. 2: Die höchsten Gefährdungsstufen. Auffällig: Der Kröpfling (Coregonus austriacus) gilt nun als ausgestorben; Zope, Karausche und Moderlieschen rückten in die höchste Gefährdungsstufe vor.

Gefährdet (VU)

Dass die Aalrute (Lota lota, auch Quappe genannt) und die Äsche (Thymallus thymallus) in der Roten Liste gefährdeter Arten in Österreich (und Mitteleuropa) als „VU – Vulnerable“ (Gefährdet) eingestuft sind, trifft die Gewässerbewirtschafter und Fischereireviere im Salzkammergut an einem extrem empfindlichen Nerv. Beide Arten sind biologische Prachtstücke unserer alpinen und subalpinen Gewässersysteme – und gleichzeitig die massiven Opfer der Prädatoren und wenn sich Gewässerstruktur und Temperaturgefüge verändern.

Tab. 3: Die VU-Liste ist mit 21 Taxa die umfangreichste Kategorie überhaupt. Hier sammeln sich die heimischen Leitfische – darunter Äsche, Seesaibling, Reinanke, Nase und Aalrutte.

Nahezu gefährdet und ungefährdet (NT · LC)

Arten mit dem Status NT stehen haarscharf an der Schwelle zur echten Gefährdung (VU). Sie gelten oft nur deshalb noch nicht als „gefährdet“, weil sie regional noch in vereinzelten Restpopulationen vorkommen.

Tab. 4: Die Bachforelle (Salmo trutta) verharrt auf der Vorwarnliste (NT). Mehrere ehemals gefährdete Arten profitierten von besserer Datenlage oder realer Erholung (z. B. Wels, Zander, Marmorierte Grundel).

Dass die Bachforelle (Salmo trutta fario) – historisch der absolute Brot- und Leitfisch unserer kühlen Mittelgebirgs- und Alpengewässer – drastisch einbricht und an der Schwelle zur echten Gefährdung steht, ist ein verheerendes Alarmsignal. In Bayern wurde die Bachforelle von der Bayerischen Landesanstalt für Umwelt (LfU) in der Roten Liste offiziell in die Kategorie 3: „Gefährdet“ (entspricht international VU – Vulnerable) hochgestuft.

Die Gründe: Warum die Bachforelle so rasant abstürzt

Dass die Bachforelle binnen weniger Jahrzehnte vom Allerweltsfisch zum Sorgenkind wurde, liegt an einer Kombination aus mehreren „Stressoren“:

  1. Die kritische 20°C-Grenze: Bachforellen sind Kaltwasser-Spezialisten. Fällt die Sauerstofflöslichkeit bei Wassertemperaturen über 8 bis 20°C, bricht ihr Stoffwechsel ein. Längere Sommerhitzeperioden führen zu Massensterben oder extremer Anfälligkeit für Krankheiten.
  2. Die Verbreitung der PKD (Proliferative Nierenkrankheit): Der Parasit Tetracapsuloides bryosalmonis greift das Nierengewebe von Salmoniden an. Die Erkrankung bricht typischerweise ab Wassertemperaturen von über 15°C aus und führt bei Jungforellen zu Verlustraten von bis zu 90%. Durch die Erwärmung der Traun-Zubringer und Alpenbäche breitet sich die PKD immer weiter flussaufwärts aus.
  3. Erstickung des Laichbetts (Kolmation): Wie bei Äsche und Koppe setzt der Eintrag von Feinsedimenten (durch Unwetter, Baustellen und fehlende Beschattung) die Kieslückensysteme zu. Die im Spätherbst/Winter abgelegten Forelleneier ersticken im Schlamm.
  4. Prädationsdruck im Niedrigwasser: Bei Niedrigwasser und ausgedünnten Bächen haben Fischotter, Kormoran, Gänsesäger und Graureiher in den verbliebenen flachen Restpools leichtes Spiel.

Ein Weckruf für das Salzkammergut

Dass die Bachforelle in Bayern bereits als Gefährdet (3 / VU) eingestuft ist, ist die direkte Vorschau auf das, was auch Oberösterreich und dem Salzkammergut bevorsteht, wenn nicht gegengesteuert wird.

Datendefizit (DD) und nicht evaluierte Arten (NE)

Tab. 5: Die DD-Kategorie ist 2025 stark gewachsen – Ausdruck eines weiterhin hohen, chronisch unterfinanzierten Forschungsbedarfs, vor allem bei Coregonen und den kryptischen Elritzen-Arten.
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Nicht evaluiert (NE): Daneben steht eine wachsende Gruppe von rund 20 Neozoa und gebietsfremden Arten, die definitionsgemäß nicht in die Rote Liste einbezogen werden – darunter Regenbogenforelle, Bachsaibling, Blaubandbärbling, Sonnenbarsch, Goldfisch sowie diverse Grundeln. Ihre Zahl hat sich gegenüber 2007 mehr als verdoppelt und ist selbst ein Indikator für den Wandel der Fischfauna.

Die Gefährdungsfaktoren

Die Rote Liste 2025 ordnet jeder Art die auf sie einwirkenden Belastungen zu. Über alle Arten summiert ergibt sich eine klare Rangordnung der Bedrohungen.

Abb. 3: Die wichtigsten Gefährdungsfaktoren, gemessen an der Zahl betroffener Fischarten (gerundete Näherung).

Prädatoren, Durchgängigkeit und Regulierung

An der Spitze der Belastungen stehen zwei eng mit dem Menschen verbundene Faktoren. Zum einen der Prädationsdruck: Fischfressende Arten setzen vielen bedrängten Beständen zu, besonders dort, wo Besatz ausschließlich der Ernährung von Prädatoren dient statt dem Aufbau selbsttragender Populationen. Zum anderen die Veränderung der Gewässer selbst – Regulierung, Verbauung und der Verlust der Durchgängigkeit. Wasserkraftanlagen und andere Querbauwerke zerschneiden die Flüsse in isolierte Abschnitte, in denen Wanderungen zu Laich- und Aufwuchshabitaten unmöglich werden. Besonders die langstreckig wandernden Arten – allen voran der Huchen – leiden darunter.

Kolmatierung und Verschmutzung

Ein oft unterschätzter Faktor ist die Kolmatierung, also die Verstopfung des Kieslückensystems der Gewässersohle mit Feinsediment. Sie erstickt Laichplätze und Jungfischhabitate und trifft kieslaichende Arten wie Äsche, Nase und Bachforelle unmittelbar. Verstärkt wird sie durch Feineinträge aus Landwirtschaft und regulierten Uferbereichen. Die klassische stoffliche Verschmutzung wirkt zusätzlich, spielt heute aber eine geringere Rolle als die strukturellen Belastungen.

Klimawandel

Der Klimawandel trifft zwei Gruppen besonders hart. Erstens die stenothermen, also an kühles Wasser gebundenen Arten – Bachforelle, Äsche, Huchen, Seesaibling, Neunaugen, Strömer, Hasel und Aalrutte. Steigende Wassertemperaturen verschieben ihre Lebensräume flussaufwärts und begünstigen Krankheiten. Zweitens die Arten kleiner, stehender Gewässer, die zunehmend von Austrocknung bedroht sind: Hundsfisch, Karausche, Moderlieschen und Schlammpeitzger.

Besatz und invasive Arten

Bei aller berechtigten Kritik an Klimawandel und Verbauung müssen wir uns als Fischerei ehrlich an die eigene Nase fassen: Den Spiegel, den uns die Rote Liste vorhält, haben wir uns zu einem großen Teil selbst zuzuschreiben. Über Jahrzehnte hinweg – oft behördlich abgesegnet und von Verbänden gefördert – wurden zig Tonnen Besatzfische unbekannter Herkunft in unsere Gewässer gekübelt. Man wusste es damals nicht besser: Hauptsache, die Fische waren kampfstark, optisch makellos und keine verbildeten „Quastenflosser“. Auf die fatale Verschleppung von Viren und Krankheiten wurde kaum geachtet, und an die feine Genetik heimischer Stammpopulationen dachte erst recht niemand. Noch drastischer war das gedankenlose Einbringen invasiver Arten wie Graskarpfen oder Bachsaiblingen, die bis in sensible Elritzen-Bergseen, Bäche und Flüsse ausgesetzt wurden.

Rote Liste Fische Österreichs | Fischereifachtagung Mondsee 2025

Auch fischereiliche Eingriffe und Neobiota wirken sich aus: der Besatz standortfremder Stämme und Arten (etwa fremder Salmoniden, Coregonen oder von Hecht in Saiblingseen) ebenso wie die negativen Effekte invasiver Arten der Schwarzen Unionsliste – Sonnenbarsch, amerikanische Zwergwelse, asiatische Schlammpeitzger, Blaubandbärbling und diverse Grundeln. Sie setzen vor allem den ohnehin bedrängten Kleinfischen der Au- und Stillgewässer zu.

Heute stehen wir vor den Trümmern dieser verfehlten Besatzpolitik. Die aktualisierte Rote Liste führt uns dieses Scheitern schonungslos vor Augen. Jetzt muss endlich ein Paradigmenwechsel stattfinden: Wir müssen uns strikt an die wissenschaftlichen Vorgaben halten. Unser Fokus muss kompromisslos auf den Schutz und die Nachzucht autochthoner, heimischer Arten gerichtet sein – und dort, wo selbst das nicht mehr greift, müssen wir den Mut haben, die Natur einfach wieder selbst arbeiten zu lassen

Gewinner, Verlierer und Sonderfälle

Ein seltener Gewinner: der Wolgazander

Der Wolgazander (Sander volgensis) ist der einzige echte Aufsteiger der Liste. Historisch nur östlich von Wien verbreitet, erreichte er in den 1980er-Jahren die Wachau, in den 2010ern Ottensheim bei Linz; seit 2018/2019 besiedelt er die Stauräume Ottensheim und Aschach, im September 2025 gelang der erste Nachweis bei Passau. Bemerkenswert: Die Ausbreitung erfolgte überwiegend vor dem Bau von Fischwanderhilfen – die Art nutzte Schiffsschleusen. Klimawandel und die Umwandlung der Donau in eine Staukette haben diesem Tieflandfisch in die Hände gespielt. Ergebnis: Verbesserung von EN (2007) auf NT (2025).

Die Verlierer: Zope und Karausche

Gegenläufig die Entwicklung zweier Arten der Niederungsgewässer. Die Zope (Ballerus ballerus) ist im Westen praktisch verschollen – der letzte oberösterreichische Fund stammt von 2008 (Innbach-Mündung), der letzte in der Wachau von 2013. Ursache ist der Verlust kritischer Habitate, vor allem einseitig angebundener Altarme. Die Karausche (Carassius carassius) zeigt eine ähnlich dramatische, mit den Nachbarländern übereinstimmende Talfahrt. Beide stürzten von EN (2007) auf CR (2025) ab.

Der Huchen – Symbolfisch unter Druck

Der Huchen (Hucho hucho), Österreichs größter heimischer Salmonide, bleibt formal bei EN, doch die Lage ist prekär. Nur noch zwei Populationen – in Mur und Gail, beide südlich der Alpen – gelten als mittelfristig überlebensfähig. Nördlich der Alpen existiert keine sich selbst erhaltende Donau-Population mehr; viele Nachweise gehen auf Besatz zurück. Klimawandel und Wasserkraftausbau bedrohen die Art massiv. Der ausbleibende Kategoriensprung darf nicht über die anhaltend negative Entwicklung hinwegtäuschen.

Neue und wiederentdeckte Arten

Rote Liste Fische Österreichs | Fischereifachtagung Mondsee 2025
  • Smaragdgressling (Romanogobio skywalkeri): ursprünglich für einen Hybrid gehalten, molekulargenetisch als eigenständige Art bestätigt; beschränkt auf die Mur zwischen Judenburg und Gratkorn.
  • Tiefseesaibling (Salvelinus profundus): endemisch im Bodensee, 1970 für ausgestorben erklärt, 2012 wiederentdeckt.
  • Kryptische Elritzen: die ehemalige „Elritze“ zerfällt genetisch in mehrere Arten (Phoxinus csikii, P. marsilii, P. lumaireul) – ein Beispiel für die noch unentdeckte Vielfalt der heimischen Fischfauna.
  • Nordchinesischer Schlammpeitzger (Misgurnus bipartitus): Erstnachweis für Europa 2017 in der Traisen, 2018 im Unteren Inn – ein potenzieller Gefährdungsfaktor für den heimischen Schlammpeitzger.

Die Salmoniden und Coregonen im Fokus

Für die Kühle liebenden Leitarten – im Zentrum des Interesses vieler Fischereibewirtschafter – zeigt die Liste 2025 ein durchwegs ernstes Bild. Die folgende Übersicht fasst Status und Bestandstrend zusammen.

Abb. 4: Qualitative Trendübersicht ausgewählter Leitarten. Die Mehrzahl ist gefährdet (VU/EN) und im Bestand rückläufig; die Bachforelle hält sich auf der Vorwarnliste, mit stagnierender Tendenz.

 

Der internationale Rahmen: Europa und die Welt

Die österreichische Entwicklung ist kein Sonderfall, sondern Teil eines kontinentalen Befunds. Die zweite Auflage der European Red List of Freshwater Fishes (Europäische Kommission / IUCN, 2026) bewertete alle 558 heimischen europäischen Arten – mit alarmierendem Ergebnis: 42 % sind vom Aussterben bedroht, weitere 18 % gelten als nahezu gefährdet. Damit ist nahezu jede zweite Art akut bedroht und annähernd zwei Drittel sind von erhöhter Besorgnis. Gegenüber der ersten Bewertung 2011 (damals 37 %) ist der Anteil bedrohter Arten um fünf Prozentpunkte gestiegen; ein Erholungstrend ist nicht erkennbar. Zwanzig Arten gelten bereits als global ausgestorben.

Besonders die Wanderfische trifft es hart: Rund 39 % der wandernden Arten sind rückläufig, gegenüber nur etwa 14 % der nicht wandernden – ein direkter Fingerzeig auf die zerstörerische Wirkung von Dämmen und Wehren. Als wichtigste Treiber benennt der Bericht Querbauwerke und wasserwirtschaftliche Infrastruktur (sie betreffen rund 69 % der europäischen Süßwasserfische) sowie Verschmutzung, vor allem durch landwirtschaftliche Einträge (rund 66 %). Diese Faktoren decken sich exakt mit dem österreichischen Befund.

Im globalen Maßstab fällt das Bild kaum besser aus: Die erste weltweite Bewertung der Süßwasserfische (IUCN 2023) stufte rund ein Viertel aller Arten als bedroht ein, wobei mindestens 17 % der bedrohten Arten direkt vom Klimawandel betroffen sind.

Abb. 5: Anteil gefährdeter Süßwasserfische im Vergleich. Der österreichische Wert ist eine Näherung (CR+EN+VU der bewerteten autochthonen Taxa) und liegt im europäischen Spitzenfeld.

Fazit

Die Rote Liste 2025 sendet eine unmissverständliche Botschaft. Die scheinbar ausgeglichene Bilanz aus Auf- und Absteigern ist eine statistische Illusion: Die meisten Verbesserungen verdanken sich besseren Daten, die meisten Verschlechterungen realen Verlusten. Die tatsächliche Entwicklung ist ungünstig.

Am stärksten unter Druck stehen ausgerechnet die charakteristischen, kühleliebenden Arten unserer Flüsse und Voralpenseen – Salmoniden, Coregonen und ihre Begleitarten. Die Hauptursachen sind seit Jahrzehnten dieselben und greifen ineinander: Prädationsdruck, die Zerschneidung der Gewässer durch Wasserkraft und Regulierung, die Kolmatierung der Laichplätze, die Erwärmung durch den Klimawandel sowie Besatz und invasive Arten. Der internationale Vergleich zeigt, dass Österreich damit keineswegs allein dasteht – die heimischen Gewässer sind Teil einer europaweiten Krise der Süßwasserfische.

Die Schlussfolgerung ist ebenso klar wie unbequem: Ohne konsequente Wiederherstellung der Durchgängigkeit, ohne wirksamen Gewässer- und Habitatschutz und ohne deutlich bessere Datengrundlagen wird sich der Negativtrend fortsetzen. Die Rote Liste benennt das Problem mit wissenschaftlicher Schärfe – die Antwort darauf ist eine Frage des politischen und gesellschaftlichen Willens.

Danke an die Autoren

Ein großer Dank gilt Clemens Ratschan, Michael Jung, Thomas Friedrich, Jakob Neuburger, Lena Graf und Daniel Petz für ihren unermüdlichen Einsatz bei dieser enorm komplexen Aufgabe. Einen solchen riesigen Berg an Daten, Erhebungen und Statistiken aufzuarbeiten, erfordert enorme Geduld – denn was auf den ersten Blick wie ein trockener Papiertiger oder ein unüberschaubarer Zahlenhaufen wirkt, ist in Wahrheit das wichtigste wissenschaftliche Fundament, um den realen Zustand unserer heimischen Fische greifbar zu machen.

Herzlichen Dank für dieses unschätzbare Engagement, die anschauliche Präsentation der Zwischenergebnisse auf der Fischereifachtagung im November 2025 in Mondsee und in der Hoffnung, dass die offizielle Version der Roten Liste nun bald das Licht der Welt erblickt!

Quellenverzeichnis

Ratschan, C., Jung, M., Friedrich, T., Neuburg, J., Graf, L. & Pelz, D. (2025): Aktualisierung der Roten Liste der Fische Österreichs. ezb-TB Zauner GmbH & BOKU University (IHG). Präsentation, Fischereifachtagung Mondsee, Oktober 2025.

Wolfram, G. & Mikschi, E. (2007): Rote Liste der Fische (Pisces) Österreichs. In: Zulka, K. P. (Red.): Rote Listen gefährdeter Tiere Österreichs, Teil 2. Umweltbundesamt, Wien.

Zulka, K. P. & Eder, E. (2007): Bewertungsschlüssel zur Erstellung Roter Listen gefährdeter Tiere Österreichs. Umweltbundesamt, Wien.

Spindler, T. et al. (1997): Rote Liste der in Österreich gefährdeten Fischarten. Umweltbundesamt-Monographien Band 87, Wien.

Ford, M., Adams, C., Sayer, C. A., Freyhof, J. et al. (2026): Measuring the pulse of European biodiversity – European Red List of Freshwater Fishes. 2. Auflage. Europäische Kommission / IUCN, Brüssel.

Freyhof, J. & Brooks, E. (2011): European Red List of Freshwater Fishes. Publications Office of the European Union, Luxemburg.

IUCN (2023): The IUCN Red List of Threatened Species – erste globale Bewertung der Süßwasserfische. Pressemitteilung, COP28, Dubai, 11. Dezember 2023.

IUCN (2026): Almost half of European freshwater fishes at risk of extinction – new IUCN Red List. Pressemitteilung, April 2026.

Umweltbundesamt (Hrsg.): Rote Listen Österreichs. www.umweltbundesamt.at/umweltthemen/naturschutz/rotelisten

Bundesamt für Wasserwirtschaft (BAW-IGF), Institut für Gewässerökologie, Scharfling/Mondsee – Fish Index Austria.

Hinweis: Arten- und Statusangaben entstammen Großteils der Mondsee-Präsentation 2025. Die internationalen Kennzahlen (Abschnitt 8, Abb. 5) wurden über aktuelle IUCN- und EU-Quellen recherchiert; der Österreich-Vergleichswert ist eine Näherung und nicht direkt mit den IUCN-Regionalwerten gleichzusetzen.

Weitere Informationen

Das Eigentliche passiert unter der Oberfläche. Am Gewässer wie beim Naturschutz. Auf www.huberpower.com geht es genau dorthin: zur Arbeit am Wasser, zur Forschung dahinter und zu den Projekten, an denen wir gerade arbeiten.

Einer der wichtigsten Aufgaben in der Bewirtschaftung unserer Gewässer ist, dass wir lokal angepasste oder noch besser möglichst lokale Fischbestände für die Aufzucht und den Besatz nutzen. Lokale Anpassung bedeutet, dass zwischen einzelnen Populationen, aber auch innerhalb dieser Populationen genetisch bedingte Unterschiede in Körperstruktur, Verhalten oder Stoffwechsel auftreten, die mit spezifischen Umweltbedingungen in einzelnen Gewässerbereichen zusammenhängen. Dabei handelt es sich um über sehr lange Zeiträume gebildete, erblich festgelegte Unterschiede. Neben lokalen Anpassungen, die eine genetische Vielfalt widerspiegeln, zeigen viele Fischarten auch die Fähigkeit, sich bis zu einem gewissen Grad sehr rasch und ohne notwendige genetische Veränderungen auf neue Umweltbedingungen einzustellen. Wobei sich dies durchaus je nach Fischart stark unterscheiden kann, soweit dies unsere Erfahrungen auch bestätigen.
 

„Wer Fische schützt, schützt das Wasser. Wer das Wasser schützt, schützt uns alle.“

Zitat von Heimo Huber, FROSKG